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Matt Haig – Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

Matt Haig - Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

David Foster Wallace nannte es „die Üble Sache“ und widmete dieser sogar ein Buch: „Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“. Mit es meine ich die wohl tödlichste Krankheit, die es gibt –Depressionen. Mein erster richtiger Berührungspunkt zu Depressionen war die Literatur, im Alltag bin ich davon bisher verschont geblieben. Damals habe ich die Biographie von David Foster Wallace gelesen und zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich eine Ahnung davon, was das eigentlich bedeutet. Matt Haig hat nun mit „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ ein Buch verfasst, dass „die Üble Sache“ noch besser auf den Punkt bringt und erfühlbar macht.

Matt Haig – Ein Mann mit Depressionen

Dieses Buch konnte wohl nur jemand schreiben, der selbst den unendlichen Abgrund kennt. Im Alter von 24 Jahren brach die Depression über Matt Haig herein – es begann ganz unscheinbar mit einem Gedanken: Irgendwas ist falsch; irgendwas stimmt hier nicht. Und dann war es seltsam in seinem Kopf, ein pulsiverendes Flackern im Bereich des Kleinhirns, ein kribbelndes Gefühl, das Herz fühlte sich auch komisch an und Matt war nicht mehr er selbst. Nach diesem ersten Anfall konnte er nichts mehr, er blieb drei Tage im Bett und dachte darüber nach, was für eine Erlösung der Tod wäre. Eigentlich wollte er nicht tot sein, es hätte ihm gereicht, wenn er nicht am Leben gewesen wäre. Und dann stand er auf und ging hinaus in die Nähe des Meeres – an die Klippe. Er war zu der Zeit auf Ibiza, um sich Geld für sein Studium zu verdienen. Aber springen konnte Matt nicht. Da waren noch seine Familie, seine Freundin, seine Freunde, die hätten den Schmerz doch nicht ertragen.

Matt Haig steigt mit dieser dramatischen Geschichte vom Beginn seiner Krankheit in sein Buch „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ ein. Dieses Melodram hat mich gefesselt und erschreckt. Und der Schreck sollte sich auch weiterhin nicht von meinem Herz abschütteln lassen. Zu deutlich schildert Haig, was für eine Beeinträchtigung Panikattacken in Kombination mit Depressionen für das Leben sind. Wenn 200 Meter Weg zum nächsten Kiosk für einen banalen Gegenstand des Alltags wie beispielsweise eine Packung Milch zur unüberwindbaren Hürde werden. Oder an gesellschaftliche Veranstaltungen mit vielen Menschen nicht mehr zu denken ist. Einer Arbeit nachzugehen wird unvorstellbar. Das ist schlimm. Es ist unerträglich für den Menschen mit Depressionen und für die Anderen um ihn herum.

Ein Buch über Depressionen, das nicht abschreckt.

Die große Stärke von „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ liegt darin, dass es niemanden Angst macht. Es kommt auf leichten Füßen daher, ist kurzweilig geschrieben. Die Kapitel des kleinen Buchs bestehen aus nicht mehr als vielleicht sechs Seiten. Viele der Kapitel bestehen aus Listen, die sich innerhalb von 30 Sekunden lesen lassen. Zu meinen liebsten Listen gehören:

  • „Dinge, die mir helfen (manchmal)“ auf Seite 259,
  • „Was Leute zu Depressiven sagen, was sie in anderen lebensbedrohlichen Situationen nie sagen würden“ auf Seite 36 und
  • „Berühmte Menschen, die trotz Depressionen ein großartiges Leben hatten“ auf Seite 197

Depression kann ein Außenstehender nicht sehen, sie spielt sich im Kopf des Depressiven ab. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie nicht existiert! Und auch nicht, dass sie harmlos ist und der Depressive nur simuliert oder Aufmerksamkeit möchte. „Die Üble Sache“ ist furchtbar. Die häufigste Todesursache ist immer noch Selbstmord und viele Selbstmörder litten an Depressionen. Mit ein paar Pillen ist auch nicht jedem Patienten geholfen, die Depression verschwindet nicht wie ein Kopfschmerz nach einem anstregenden Tag, wenn man sich eine Aspirin einwirft. Matt Haig bringt die Dimensionen von Depressionen und Panikattacken in seinem Buch dem Leser sehr nah. Er ist emotional, subjektiv und leicht verständlich.

Matt Haig 1

Nein, nach der Lektüre von „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ wusste ich als Nicht-Depressive immer noch nicht, wie sich eine Depression anfühlt, aber nun möchte ich es unter keinen Umständen wissen. Haig hilft mit seinem Buch zum einen den Mitmenschen beim Verständnis von Depressionen und zum anderen Depressiven beim Weiterleben. Haig muntert auf, er macht Mut und gibt Kraft: Eine Panikattacke ist nicht das Ende, es geht danach weiter und es lohnt sich auch.

Fazit

„Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ von Matt Haig ist ein wichtiges Buch. Es beantwortet viele Fragen zum Thema Depressionen, spricht aber neben dem Kopf auch das Herz des Lesers an. Es ist weder Roman noch Sachbuch in meinen Augen.

Vielen Dank an dtv für die Bereitstellung des Leseexemplares.

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