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Die Knochenuhren oder eine Symphonie aus Büchern

Immer wieder aufs Neue gerate ich ins Staunen, wenn ich eines der Bücher von David Mitchell lese. Wieviele Ideen und Plotwendungen passen in einen Kopf? In einen Roman? Und warum muss gerade David Mitchell das Gesamtkontingent für Einfälle von zehn gestandenen Schriftstellern in ein einziges Buch pressen? „Die Knochenuhren“ ist nach „Chaos“, „Number 9 dream“, „Der Wolkenatlas“, „Der dreizehnte Monat“ und „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ der sechste Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde vom Übersetzer Volker Oldenburg.

Ein Labyrinth aus Figuren und Orten

David Mitchell hat die Kunst des literarischen Irrgartens perfektioniert. In seinen Kapiteln konstruiert er einen Blumenstrauß voller Figuren und so viele Details, dass der Leser sie überhaupt nicht bei der ersten Lektüre erfassen kann. Er komponiert seine Romane, alles ist sehr genau durchdacht und manchmal so perfide ausgeführt wie in einem Gangsterfilm. Ich liebe die Momente beim Lesen, wenn eine Szene in eine andere greift und sich vor dem inneren Leserauge plötzlich die wahre Bedeutung enthüllt. Die Vielzahl der Einzelheiten machten mir das Lesen von „Die Knochenuhren“ nicht immer leicht, aber David Mitchell beherrscht sein Handwerk auf so hohem Niveau, dass dem Leser die wichtigen Dinge nicht entgehen werden, er wird darauf automatisch gelenkt.

Zuletzt las ich von David Mitchell „Der Wolkenatlas“. Das war vor vier Jahren und leider habe ich zu diesem Buch damals keine Rezension verfasst. Im Nachhinein ärgert es mich etwas, denn ein kleiner Vergleich wäre schön gewesen. „Der Wolkenatlas“ war eine Matroschka aus Romangattungen: Krimi, Historienschinken, Science-Fiction, Briefroman, Komödie und was der Leser sonst noch so entdecken möchte. Auch in „Die Knochenuhren“ spielt Mitchell mit seinem Können auf: Coming-of-Age-Story, Dystopie, Satire beziehungsweise Metaroman über das Leben als Autor, Fantasienackenbeißer und Melodram in Buchform. Mitchell beherrscht jede Form und gibt damit auch gern an.

Der rote Faden: Holly Sykes

Der Rahmen für die „Die Knochenuhren“ bildet das Leben von Holly Sykes. Und in dieses Leben steigt Mitchell 1984 inmitten der großen Hitzewelle in Großbritannien ein. Holly ist da gerade 14 Jahre und ein typischer Teenager: Bockig, gelangweilt und unerträglich verliebt. Und genau deshalb haut sie von daheim ab. Holly Sykes lebt ein langes Leben und ein dramatisches dazu. Ich habe gelesen, wie sie heiratete und wieder Witwe wurde; wie sie mehrmals krank und wieder gesund wurde; wie sie sich aufregte und doch ihren Frieden fand. Es war für mich faszinierend zu lesen, wie ein ganzes Leben in ein Buch gepackt wurde – immerhin auf 800 Seiten, aber ein Buch. David Mitchell wird aber keinesfalls philosophisch – stellt nicht die Frage nach der Bedeutung eines Lebens und was überhaupt ein Menschenleben ausmacht.

Mitchell interessiert sich nicht so sehr für seine Holly, er bleibt irgendwie kalt. Beim Lesen hatte ich häufig das Gefühl, dass da noch etwas unter der Oberfläche liegen muss, aber es wird nicht gezeigt. Der Autor ist viel zu sehr damit beschäftigt einen ganzen Schock voll Protagonisten miteinander zu verbinden und sich dazu noch die tollsten Handlungsorte einfallen zu lesen. Die große Stärke des Romans wird so zur Schwäche. Aus überwältigender Vielzahl wird Unübersichtlichkeit und letztendlich Austauschbarkeit.

Special Effects: Vampire, Mentalisten und Wörter, die verzaubern

Spannung wird in „Die Knochenuhren“ zu einem gehörigen Anteil durch fantastische Elemente erzeugt. Holly Sykes gerät da nur irgendwie hinein, schließlich ist sie eine Knochenuhr – ein ganz gewöhnlicher Mensch. David Mitchell scheint Fantasie gern auch mal mit dem Trash-Kram aus einem B-Movie oder Splatter zu verwechseln. Wesen schälen sich aus menschlichen Körpern wie Maden, die sich aus Kadavern herausfressen. Es ist ein bisschen widerlich. Außerdem werden Menschen durch bessere Uri Gellers durch die Luft gewirbelt oder auch zu Wein verwandelt. Das ist ziemlich schräg und fällt ein bisschen aus der Art des Buchs. Aber ja – auch das beherrscht der Großmeister des Romans David Mitchell.

Und David Mitchell beherrscht noch etwas: das geschriebene Wort. Seine Wortkonstruktionen sind häufig unglaublich schön und ich werde ganz neidisch, dass ich nie auf solche Einfälle komme. Da wäre zum Beispiel das „transsylvanische Quietschen“ (Seite 48), mit dem sich eine Kirchentür öffnet. Oder der „byroneske Reiz“ (Seite 156), den die scharfe Cousine Julia auf Hugo Lamb ausübt – angelehnt an den spätromantischen Dichter Lord Byron. Diese Sprachbilder söhnen mich aus mit dem manchmal ziemlich abgehobenen Kampf zwischen Gut und Böse – Horologen und Anachoreten, wie sie in „Die Knochenuhren“ genannt werden.

„Die Knochenuhren“ passt in keine Schublade und es gibt darin auch keine deutliche Kernbotschaft an den Leser. David Mitchell will noch nicht einmal mit seiner dystopischen Endzeitgeschichte, die 2043 stattfindet, ernsthaft belehren. Ja – es wird erwähnt, dass die Menschen in der Gegenwart nicht so viel Diesel verbrauchen sollen und ja sie sollen den Klimawandel mehr beachten – aber das ist nur eine leere Hülle, die irgendwie zu dieser Romangattung gehört. Vielmehr zeigt Mitchell mit „Die Knochenuhren“, dass es Trash auch ins Feuilleton schaffen kann.

Fazit

„Die Knochenuhren“ von David Mitchell schäumt über vor Figuren, Handlungsorten und Erzählsträngen. Es ist ein beeindruckendes Buch, welches zusammengesetzt wurde aus verschiedensten Romangattungen.

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