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Generation Beziehungsunfähig – Die Michael Nast Show

Michael Nast Generation Beziehungsunfähig

Er ist 40 Jahre, veröffentlicht Bücher, schreibt Kolumnen und verfasst Drehbücher. Momentan befindet er sich auf groß angelegter Lesereise und füllt in jedem größeren Kaff mit mehr als 100.000 Einwohnern die Veranstaltungshallen. Sein Beziehungsstatus ist Single – und genau das passt hervorragend ins Konzept. Zu seinen Lesungen kommen vorrangig Frauen im Alter von etwa 20 bis 50 Jahren – mit vorrangig meine ich 97,42%, manchmal verirrt sich eben doch ein Mann. Und Michael Nast weiß genau das zu nutzen.

Michael Nast: Berufung Entertainer

Zu Beginn der Lesung wirft Nast das schwarze Jackett von sich, schließlich ist es wahnsinnig heiß im alten DDR-Bau, aus dem nun ein Kulturzentrum geworden ist. So heiß, wie es in hohen Räumen mit dünnen Außenwänden und ohne Heizung zu Beginn einer Veranstaltung eben sein kann. Die Menschenmassen haben gerade erst Platz genommen und beginnen gerade einmal damit, Wärme auszustrahlen. Aber das Sakko fällt und es geht ein Säufzen durch die Gänge. Michael Nast hat diesem besonderen Publikum zum Einstieg auch etwas Exquisites mitgebracht: Eine Kolumne, die zuvor in der Frauenzeitschrift „Freundin“ erschienen ist – nur mit weniger provokativem Titel. Nast hat seinen Text ursprünglich „Tinder für Hässliche“ getauft, das hätte jedoch das Konzept des Blattes zu sehr torpediert. Der Text durfte ohne Änderungen abgedruckt werden, nur die Überschrift brauchte etwas mehr Watte und Weichspüler.

Generell lässt sich Michael Nast wenig in den Inhalt seiner Texte reden; er schreibt, was er will. Nast bekommt von seinen Leserinnen so viel Aufmerksamkeit, dass er seinen Willen auch mühelos gegenüber Redakteuren durchsetzen kann. Zum Beispiel war sein Text für die Aktion „Herzenstage“, initiiert von mehreren Verlagen mit speziellen Frauenbuchreihen, der beliebteste Artikel. Er handelte von der Illusion der einzigen und wahren großen Liebe.

Wenn Michael Nast während seiner Lesung nicht gerade von seinem großen Erfolg als Kolumnist und Autor erzählte, dann machte er seinen Frauen gern deutliche Komplimente. Eigentlich beschäftigen sich seine Texte mit Luxusproblemen – Menschen am Existenzminimum haben überhaupt keine Zeit sich mit Selbstverwirklichung oder der wahren Liebe zu befassen. Nast ist privilegiert, sein Publikum ist privilegiert, denn schließlich sitzt vor ihm „die Chemnitzer Elite der Mittelschicht“ (Zitat Michael Nast). Das ist alles sehr schmeichelhaft. Zwischendurch gibt es noch immer mal wieder kurze Kommentare über den eigenen Beziehungsstatus von Michael Nast: Vor einem Jahr wohnte er noch zusammen mit seiner Freundin. Damals. Und damit er sich zur idealen Projetionsfläche für die Frauen, die genau das brauchen.

Michael Nast Generation Beziehungsunfähig

Ihm gelingt mit seiner Lesung ein Husarenstück der Unterhaltung. Im Konzept passt alles zusammen, exakter auf seine Zielgruppe könnte er die Show nicht zu schneiden. Auch ich habe mich in den zwei Stunden nicht gelangweilt, nicht einmal mein Freund hat sich gelangweilt – regelmäßig mussten wir laut auflachen. Die kurzen Texte über drei bis vier Seiten sind ideal, sie werden nicht zu lang und genügend Gags verpackt Nast auch darin. Seine Perspektive ist perfekt, das weiß er selbst, darüber redet er auch gern. Er blickt nicht von oben herab auf seine Leser – mit dem Zeigefinger der Moral. Er schildert den Alltag aus seiner Sicht, die gleichzeitig die Sicht der Zuhörer ist. Nast ist eins mit seinem Publikum; ein Glücksritter von nebenan.

Generation Beziehungsunfähig: Das Buch

Ich habe das Buch zur Hälfte vor und zur Hälfte nach seiner Lesung in Chemnitz gelesen. Kauf nicht das Buch, kauf dir lieber eine Karte für eine seiner zahlreichen Lesungen – denn die sind perfekt ausgereift. Das Buch „Generation Beziehungsunfähig“ ist es für den geübten Leser eher nicht. Der Grund für das Buch war der krasse Erfolg des gleichnamigen Artikels im Single-Onlinemagazin „im gegenteil!“. Und das habe ich dem Buch leider stark angemerkt. Ausgehend von seinem Erfolgstext recycelt Nast einzelne Begebenheiten in den anderen Kolumnen des Buchs. Diese Wiederholungen fallen auf, sie haben mich manchmal richtig genervt. Als hätte dieser Mann nichts weiter zu erzählen als die immergleichen Episoden. Auch der Aufbau der Artikel ähnelte sich: Zuerst eine fesselnde Einleitung, dann erzählt er über etwas, das einer seiner Freunde erlebte und zwischendrin baut er noch ein Zitat von berühmten Personen wie Marcel Reich-Ranicki oder dem schweizer Verleger Ringier ein. Oder auch sehr beliebt bei Nast – die Kündigungsszene aus „Fight Club“ von Edward Norton.

Also nochmal ganz deutlich meine Empfehlung: Geht hin zu der Lesung, lasst euch gut unterhalten und lacht Tränen. Das Buch könnt ihr auch dort kaufen, wenn euch Michael Nast doch zu sehr mit seinem Charme betört haben sollte.

Michael Nast Generation Beziehungsunfähig 2

2 Kommentare

  1. Hey,
    eine Freundin hat mir erst vor 2 Wochen dieses Buch empfohlen. Ich habe daraufhin sofort geschaut, wo die Lesetour überall vorbeikommt. Aber bei mir in der Nähe ist alles ausverkauft. Darum habe ich mir jetzt doch das eBook besorgt und hoffe, dass ich nicht so enttäuscht bin, nachdem ich jetzt deine Empfehlung gelesen habe 🙂
    Liebe Grüße
    Madeleine

  2. Oh was für ein toller Bericht! Danke dafür!
    Leider bekomme ich so selten mal jemand unter der Woche zum Kinder hüten, ansonten hätte mir das auch gut gefallen.
    Liebe Grüße Anett.

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