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Vendela Vida und „Des Tauchers leere Kleider“

Vendela Vida Des Tauchers leere Kleider

Was passiert, wenn man die eigene Identität verliert? Sie vielleicht sogar mit Absicht hinter sich lässt und eine neue erfindet? Möglicherweise bleibt das Ich dahinter gleich und nur Name, Geburtsort und Alter ändern sich. Schließlich kann die Schuhgröße nicht gewechselt werden, auch nicht die Blutgruppe und der Fingerabdruck sowieso nicht. Der neue Roman „Des Tauchers leere Kleider“ von Vendela Vida handelt vom Verlust der eigenen Identität, getarnt als Mischung aus Krimi und Reisebericht. Die Inspiration für den Titel des Buchs kommt von einem Gedicht „The Diver’s Clothes Lying Empty“ des bekannten persischen Dichters Rumi. Im Buch ist das Gedicht auf Seite 138 in Deutsch abgedruckt.

Nicht nur die Frau von Dave Eggers!

„Des Tauchers leere Kleider“ ist der vierte Roman von Vendela Vida. Zuvor erschienen auf Deutsch 2008 „Und jetzt können Sie gehen“, 2009 „Weil ich zu spät kam“ und 2012 „Liebende“. Vendela Vida scheint selbst von dem Problem der verschiedenen Identitäten betroffen zu sein: Sie schreibt selbst Romane, gibt das Literaturmagazin „The Believer Magazine“  heraus und lehrt bei 826 Valencia Schreiben. 826 Valencia ist eine gemeinnützige Organisation, die Schülern hilft ihre Schreibfähigkeiten zu entwickeln. Vendela Vida ist Mitgründerin und Vorstandsmitglied der Organisation. Ganz nebenbei ist Vida auch die Frau vom bekannten Schriftsteller Dave Eggers, der zuletzt in Deutschland mit seinem Roman „The Circle“ durch die Medienlandschaft gereicht wurde.

Eigentlich ist es ein kleines Wunder, dass Vendela Vida bei so vielen Jobs und Tätigkeiten garkein Internet zu Hause hat. Sie hat auch keinen Facebook-Account! Und wenn sie eMails schreiben muss, dann besucht sie ein Café. Für Blogger wie mich ist das wohl sehr schlecht vorstellbar, aber gleichzeitig bewundere ich ihre Disziplin. Denn Vida hat sich bewusst entschieden, kein Internet zu haben – sie würde sonst den ganzen Tag damit verschwenden. Und da erscheint es auch schon wieder logisch, warum diese Frau so viele Dinge gleichzeitig meistert.

Vendela Vida

Eine Amerikanerin auf dem Weg zu Selbstfindung

Endlich im Flugzeug. Raus aus dem Leben – nur schnell weg. Eine Amerikanerin fliegt nach Marokko und ist genervt von ihren Mitmenschen. Da wäre die Frau mit Zwangsneurose im Flieger, die ständig ihren Koffer öffnen muss. Und dann wird die Amerikanerin auch noch angestarrt von einer Frau mit weißen Reebok-Turnschuhen. Das ist unangenehm, sie versteckt sich im Sitz. Dann landet das Flugzeug, ein Minibus fährt sie zum Hotel, sie steigt aus und will im Hotel einchecken. An der Hotelrezeption muss die Amerikanerin erstmal warten, bevor sie die bürokratische Prozedur über sich ergehen lassen kann. Und dann ist ihr blauer Rucksack verschwunden. Den hatte sie doch gerade noch in der Hand?! Sie dreht sich um. Nicht da. Panik steigt auf. Im Rucksack ist doch alles – Reisepass, Geldbeutel, Kreditkarten, die neue Kamera – eben ihre Identität.

 

Beim Lesen dieser Szene stieg in mir eine ähnliche Panik auf, ich war kurz davor, selbst unter meinem Couchtisch nach dem blauen Rucksack zu suchen. Es ist wohl der Horror eines jeden Reisenden, wenn die ganzen Wertsachen gestohlen werden. Was tut man dann? Was tut die Amerikanerin? Erstmal Bescheid geben, die Polizei rufen, die Überwachungsbänder des Hotels ansehen und feststellen, dass tatsächlich ein Dieb den Rucksack mitgenommen hat. Aber immerhin nimmt sich der Polizeipräsident in Marokko der Sache selbst an und findet einen schwarzen Rucksack. Aber alle (Hotel, Polizei und Dieb) scheinen unter einer Decke zu stecken, denn es ist ja gar nicht ihr Rucksack – es ist auch nicht ihr Pass und ihre Kreditkarte, die der Polizeipräsident ihr mit Nachdruck gibt. Aber die Amerikanerin muss sich damit abfinden – das oder niemand sein und keine Kreditkarte haben.

Die Befreiung von der Last des Ich

Vendela Vida wählt in „Des Tauchers leere Kleider“ die Erzählperspektive „Du“: „Du rennst zurück ins Hotel. Der Fahrer wurde gefunden und wartet auf dich. Er sagt, er habe den Rucksack nicht.“ (Des Tauchers leere Kleider, Seite 19) Dieses Du ist manchmal nervig, aber andererseits zieht es auch an – es ist nah am Leser, denn schließlich durchlebt er selbst die Geschichte der namenlosen Amerikanerin. „Des Tauchers leere Kleider“ hat keine Kapitel, nur Absätze. Alles ist als Fließtext verfasst. Aber im Leben werden die Grenzen zwischen den Abschnitten auch erst im Nachhinein durch die Erinnerung gesetzt. Der Leser muss also die Arbeit für Autorin und Figur erledigen, denn irgendwo ist es ja auch sein Leben.

Es gehört zum Konzept, dass wir niemals den „richtigen“ Namen der Amerikanerin erfahren werden. Für den Leser gibt es nur die vielen Namen der Identitäten, die die Namenlose annimmt und wieder ablegt. Es ist ein bisschen wie Evolution, was der Amerikanerin geschieht. Genauer bezeichnet werden könnte die Entwicklung sogar als Punktualismus: Lange passiert nichts und eine Art hat überhaupt keine Notwendigkeit sich weiterzuentwickeln, aber an einem Punkt der Entwicklung tritt plötzlich eine starke Veränderung in der Umwelt auf und die Art hat keine Wahl – entweder schnell anpassen oder aussterben. Die Amerikanerin hat sich nicht ohne Grund in das Flugzeug nach Marokko gesetzt, daheim ist etwas passiert. Nur hört die Entwicklung nicht im Flugzeug auf, auch in Marokko muss sie sich verändern. Aus dem blauen Rucksack, der gestohlen wurde, wird der schwarze Rucksack. Aus dem blumigen Parfüm wird ein Duft von Nektarinen und Honig. Aus der von Jugendakne vernarbten Haut wird mit Make-Up eine glattere Haut. Und wer weiß, was als Nächstes passiert.

Fazit

Vendela Vida muss sich mit „Des Tauchers leere Kleider“ nicht hinter ihrem Mann Dave Eggers verstecken, im Gegenteil – sie ist die bessere Schriftstellerin mit einem sensibleren Auge für die Details.

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