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Ronja von Rönne und die neurotische Adoleszenz

Ronja von Rönne Wir kommen

Erwachsenwerden ist nicht einfach, das hat uns schon J.D. Salinger mit „Der Fänger im Roggen“ vorgeführt. Aber eigentlich muss nicht zwangsweise die Erziehung scheitern, sich das Kind nicht geliebt fühlen, wenn es für eine Stunde mal nicht die volle Aufmerksamkeit der Eltern bekommen hat. Oder? Beim Lesen von „Wir kommen“ von Ronja von Rönne möchte ich daran zweifeln, niemand kann so gesund erwachsen werden, dass er nicht mindestens 20 Therapiestunden bräuchte.

Beziehungsstatus: Polyamorie

Nora ist ein bisschen kaputt, den Anlass dafür kennt der Leser nicht. Nachts wird sie geweckt von Panikattacken, die Angst ihres Lebens durchlebt sie fast jede Nacht mit Herzrasen und Atemnot. Sie besucht jetzt einen Therapeuten und muss für ihn Tagebuch führen – er fährt derweil in den Urlaub. Sein Geld so zu verdienen ist natürlich echt entspannt, aber immerhin stellt er Nora das Notizbuch für ihre Eigentherapie. Er übergibt Nora das Büchlein mit den Worten „It´s a match.“ Huch. Was für ein Witz! Match kann sowohl Volltreffer als auch Streichholz bedeuten. Was für ein Zufall, dass Noras Notizbuch ein Streichholz ziert, genauso wie das Cover von „Wir kommen“.

Das Liebesleben von Nora würde Facebook eigentlich mit dem Status „Es ist kompliziert.“ versehen. Sie lebt in einer Viererbeziehung mit Karl, Leonie und Jonas. Das ist praktisch. Wenn der eine Mal keinen Bock hat, gibt es immer noch jemanden als Reserve und Fallbackposition. Zu viert haben sie sich in einer Wohnung arrangiert mit ihren Leben. Dass dieses Leben die ganze Zeit über kurz vor dem Zusammenbrechen ist, merken sie sehrwohl. Um sich selbst und ihre Liebe zu finden oder einfach nur, um zu flüchten, fahren sie zu viert ans Meer und wollen dort auf unbestimmte Zeit bleiben. Keinen Termin setzen, das ist ganz wichtig – erst, wenn das amouröse Quartett soweit ist, werden sie wieder abreisen.

Ronja von Rönne 2

Die Geister der Vergangenheit

Und dann ist da noch Maja, Nora´s beste Freundin aus der Kindheit. Maja, die genauso gut hätte Peter Pan spielen können, nur noch etwas brutaler, rücksichtsloser und in weiblich. Zu Beginn des Buchs erhält Nora eine Einladung zur Beerdigung von Maja und hält das für einen schlechten Scherz. Ihre Freundin würde nie und nimmer sterben, vielmehr würde sie ihre eigene Beerdigung nur inszenieren, um allen einen Streich zu spielen. Sie schreibt Maja erstmal eine eMail und wartet auf Antwort.

Ronja von Rönne 3

Die ganze Zeit habe ich darauf gewartet, dass Nora zusammenbricht oder richtig ausrastet und Amok läuft: Ihre Viererbeziehung, die so wahnsinnig pragmatisch ist, aber eigentlich nicht funktioniert, und dann noch Maja, die nicht tot sein darf. Es ist auch wenig verwunderlich, dass Nora nicht merkt, ob 390 Gramm, ihre Schildkröte, tot oder lebendig ist.

Die Schnoddrigkeit der Jugend

„Wir kommen“ ist Noras Therapietagebuch, das ist das Konzept des Romans. Das ist jetzt nicht supereinfallsreich, aber zumindest klug durchdacht. Und damit kann sich Ronja von Rönne erlauben nicht stringend zu sein, sie muss es sogar. Tagebücher müssen Sprünge in die Vergangenheit enthalten, sie müssen nur Ausschnitte zeigen und sie dürfen nicht alles verraten. Dazu sind die gewählten Sätze, die Nora da in ihr Büchlein schreiben darf, provozierend lässig. Der Ton des Buchs ist ganz und gar der Ton von Ronja von Rönne und ihrem Blog Sudelheft.  Die vielbeschworene Authentizität – da ist sie, da habt ihr sie. Rotzige Bonmonts werden aneinandergereiht: „Die einzige Bevölkerungsgruppe, die man risikolos beleidigen kann, sind die Dummen. Da fühlt sich nie einer angegriffen.“ Oder „Deutschland nennt sein offizielles Steuerprogramm „Elster“. Die Welt sagt, Deutschland habe keinen Humor.“ Wie Ronja von Rönnes Twitteraccount liest sich auch „Wir kommen“.

Ronja von Rönne 1

Und diese Authentizität nervt; Nora ist furchtbar anstregend – warum macht sie aus ihrer Adoleszenz eine Neurose? Warum müssen die Figuren alle so durchdrehen? Wenn die Qualität von Büchern danach bewertet würde, was sie im Leser für Reaktionen und Gefühle auslösen, dann ist „Wir kommen“ ein klasse Buch. Allerdings müsste nach diesem Maßstab Thilo Sarrazin den Nobelpreis bekommen haben und das will defintiv keiner. Ich kenne Bloggerkollegen, die weigern sich, dieses Buch zu lesen und stellen das gern auch öffentlich zur Schau. „Wir kommen“ ist kein dummes Buch, es ist kein schlechtes Buch, es ist aber auch keine überragende Literatur, die demnächst tatsächlich den Nobelpreis davon tragen wird. Aber bitte, es funktioniert auf allen Ebenen und beim Lesen bin ich kein einziges Mal eingeschlafen. Immerhin ist schlechte Presse, nicht per Definition schlecht für ein Buch. Manchmal trägt die Kontroverse erst recht dazu bei und in diesem Sinne wäre dann auch „Um heutzutage beliebt und erfolgreich zu werden, muss man lediglich rucola sein.“  widerlegt.

Fazit

Ronja von Rönne hat mit „Wir kommen“ einen rotzigen Roman geschrieben, den ich keinesfalls verdammen würde, obwohl er mich manchmal aufgeregt hat.

Weitere Rezensionen auf anderen Blogs:
Binea & Du
Literaturen

Kommentierfrage: Was hälst du von Ronja von Rönne?

2 Kommentare

  1. Liebe Janine,

    ich bin gerade auf deinen Blog gestoßen, als ich mich mal umgeschaut habe, wie Rezensionen anderer Blogger_innen über von Rönnes Buch ausgefallen sind. Zunächst: Ich muss dir vollkommen Recht geben. So besonders ist „Wir kommen“ nicht. Meine ausführliche Meinung zu dem Debüt kannst du auch gern hier nochmal nachlesen: http://poesierausch.com/2016/03/18/ronja-von-roenne-wir-kommen/

    Zu deiner Kommentierfrage (was ich im Übrigen für eine sehr schöne Idee halte…also Kommentierfragen an sich): Ich denke, dass Ronja von Rönne schon sehr in ihre mediale Rolle hineingedrängt wurde. Dennoch geht sie in dieser auch unglaublich gut auf. Ich denke, sie hat Talent…auch wenn ich ihre Meinung nicht ganz teile, hat sie einen durchdachten Beitrag zur Feminismusdebatte geleistet. Nur dieses Erstlingswerk wirkt auf mich zu hastig geschrieben. Da wurde irgendwie zu viel gewollt und das führt in ihrem Fall zur Oberflächlichkeit.

    Und was denkst du über sie?

    Liebe Grüße
    Juliane

  2. Hallo Juliane,
    ich habe eine ähnliche Meinung wie du über Ronja von Rönne. Da ist ganz viel Show dabei und ich frage mich, wieviel Ronja von Rönne tatsächlich in der öffentlichen Person RvR steckt. Manchmal geht mir diese übertriebene Coolness (gerade bei Twitter) ganz schön auf den Nerv, dann kommen aber wieder Meldungen von ihr, die ich wirklich interessant und auch relevant finde – besonders für meine Generation. Ronja von Rönne kann man auch nicht aus ihrer Zeit herauslösen, ihre Persönlichkeit funktioniert jetzt gerade gut in den Medien – in 2 Jahren könnte dieses Schnoddrige/Rotzige auch überhaupt nichts auslösen.
    Liebe Grüße,
    Janine

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