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Am Fenster von Julian Barnes oder Ode an die Literatur

Julian Barnes Am Fenster

Schreiben über das Schreiben und die Literatur. Manchmal kann das ziemlich schmerzhaft und anstregend sein, ich weiß das sehr gut. Andererseits haben Schriftsteller beziehungsweise Autoren anderen Menschen gegenüber einen Vorteil: Wenn sie eine schmerzhafte Erfahrung machen, können sie sich den Moment, der die Eingeweide zutiefst erschüttert aufheben und irgendwann später für ihre Kunst noch einmal nutzen. So sieht es zumindest Julian Barnes, der bereits 2012 den Essayband „Am Fenster“ veröffentlicht hat. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag wurde das Buch nun ins Deutsche übersetzt.

„Ein Leben mit Büchern“

Essays über Bücher und Schriftsteller – das klingt für den Nichtleser totlangweilig, für den Buchverschlinger hingegen ganz entzückend. Liest man das Buch von hinten, kann man als erstes etwas über Julian Barnes eigenes Verhältnis zu Büchern erfahren. Im Alter von 10 Jahren hatte Barnes praktisch keine andere Möglichkeit sich zu beschäftigen als Bücher zu lesen, es war für ihn der Strohhalm, der die Langeweile totschlug. Der Fernseher war nicht existent und als er dann doch endlich das heimische Wohnzimmer zierte, wurde er strengstens überwacht von seinen Eltern. Noch interessanter wurden Bücher dann als Julian Barnes in die Pupertät kam und entdeckte, dass es Sex gab. Das war der Zeitpunkt, als er begann, die Bibliotheken seiner nächsten Verwandten nach Büchern mit mehr oder minder pornographischen Szenen durchzuwühlen. Man kann sich die Heimlichkeit dieser Suche nach Erregung bildhaft vorstellen.Gekrönt wurde das ganze Unterfangen von dem Moment, als er vom Bürgermeister des Kaffes eine Ausgabe von James Joyce Ulysses mit angeekelten Blick überreicht bekam als Schulauszeichnung.

Als er erwachsen war, entdeckte Julian Barnes die Schönheit antiquarischer Bücher für sich. Es folgten unzählige Ausflüge in kleine inhabergeführte Antiquariate. Später gab es dann das Internet und damit gingen die meisten dieser schnuckeligen Antiquariate ein, das bedauert Julian Barnes kurz. Andererseits ist es jetzt auch so bequem, über das Internet nach exotischen Erstausgaben zu suchen. Hat man weniger Arbeit und braucht weniger Zeit. Ob man jetzt mehr Bücher als man jemals wird lesen können durch den Postboten oder durch die faltige Hand des Antiquars erhält, ist auch scheißegal. Julian Barnes ist sich auch ziemlich sicher, dass das gedruckte Buch niemals verdrängt werden kann.

Lesen und Leben verhalten sich zueinander nicht gegensätzlich, sondern symbiotisch. Und für die so wichtige Aufgabe der Entdeckung und Selbstentdeckung mittles der Fantasie ist und bleibt das gedruckte Buch das perfekte Symbol. – S. 336

Julian Barnes und seine Schriftsteller

Die Essays in „Am Fenster“ sind zuvor schon in diversen Zeitschriften wie beispielsweise dem Guardian, der New York Review of Books oder der London Review of Books. Teilweise waren die Essays auch Nachworte für Bücher. Ein beachtlicher Teil der versammelten Essays besteht aus Autorenportraits: Penelope Fitzgerald, Arthur Hugh Clough, George Orwell, Ford Madox Ford, Rudyard Kipling, Nicolas Chamfort, Michel Houellebecq oder Ernest Hemingway werden beackert. Man bemerkt die Vorliebe von Julian Barnes für europäische Schreiber oder noch spezieller für die Franzosen. Nicht alle Essays sind gut lesbar, manche langweilen unendlich. Aber hin und wieder packt Julian Barnes den Leser doch, besonders dann, wenn die ganz großen Gefühle enthalten sind.

Julian Barnes 1

George Orwell ist Barnes verhasst. Wahrscheinlich erhöht sich schon der Pulsschlag von Julian Barnes, wenn er nur an Orwells Auffassung von Literatur denkt. Für George Orwell waren „kultviert“ und „intelligent“ Schimpfworte. Die gesellschaftlichen Eliten waren Anlass für Spott und Orwell war der Meinung, dass England von „alten Dummköpfen“ regiert werde. Für Barnes ist Orwell zu dogmatisch im nichtideologischen Sinn. Bei Orwells Lehrsatz „Gute Prosa ist wie eine Fensterscheibe.“ muss Barnes kurz vorm Herzinfarkt stehen. Nichts hasst er mehr, als wenn dem Leser die Meinung des Autors aufgedrückt wird und dann auch noch auf so durchschaubare Art.

Aber Julian Barnes übt nicht nur Kritik in seinen Essays, „Am Fenster“ enthält auch viele Beispiele, in denen sich Barnes fast überschlägt vor Liebe und Bewunderung.  Penelope Fitzgerald beneidet er um ihre Fähigkeit, Banalitäten nicht banal erscheinen zu lassen: Wie macht sie das nur? Warum gelingt ihr die Wahl der Details, ohne je langweilig zu werden? Auch besonders hoch im Kurs steht die Übersetzung von Gustave Flauberts Madame Bovary durch Lydia Davies. Es zeigt sich, dass Julian Barnes Doppelbödigkeit liebt, der Leser soll das Werk und dessen Geheimnisse selbst entdecken. Besonders interessant war auch das Essay über Hemingway. Aber Hemingway nicht als dieses testosterongetriebene Alphatier, sondern der Hemingway, der in seinen Sätzen auch Schwäche zeigt und vor dem Scheitern keine Angst hat.

„Gegen Herzeleid gibt es kein Heilmittel“

„Am Fenster“ beginnt mit Julian Barnes Weisheit, dass Autoren den Schmerz, den sie erleben recyclen können. Und das vorletzte Essay bringt diesen Schmerz in voller Härte zum Ausdruck. Es handelt von Herzeleid, von der Trauer um einen geliebten Menschen, vielleicht den geliebtesten Menschen. Eigentlich ist das Essay eine Doppelrezension von Joyce Carol Oates‘ „Meine Zeit der Trauer“ und Joan Didions „Das Jahr magischen Denkens“. Beide schrieben nach dem Tod ihrer Ehemänner ein Buch, um etwa das erste Jahr allein festzuhalten und die Trauer irgendwie zu verarbeiten. Für mich ist es das eindringlichste Essay in diesem Band, in meinen Augen ist das auch wenig verwunderlich, da Julian Barnes seit 2008 selbst Witwer ist und einen ähnlichen Schmerz durchlitten haben muss wie die beiden Witwerinnen. Hier schließt sich auch wieder der Kreis zu Julian Barnes eigenem Buch „Lebensstufen“.

Julian Barnes 2

Fazit

„Am Fenster“ hat manche Durststrecke, aber hin und wieder ist ein Essay dabei, was den Leser nicht mehr loslässt.

Vielen Dank an den Kiepenheuer&Witsch Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

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