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Die unbesiegbare Wut in einem oder „180 Grad Meer“

180 Grad Meer Sarah Kuttner

Sarah Kuttner hat mal wieder ein Buch für junge Leute geschrieben. Das ist nicht ungewöhnlich, das tut sie eben so neben dem Moderieren von flippigen Fernsehshows auf kleinen Randsendern, die „intelligentes und unterhaltendes Fernsehen für die Menschen zwischen 25 bis 49 Jahren“ machen. Um die Lesereise nach Veröffentlichung des neuen Buchs kommt sie dabei auch nicht herum: Die ersten drei Lesungen fetzen ihr noch, dann wird es etwas schwieriger und ihr eigenes Buch beginnt sie, nach Lesung Nummer 10 zu langweilen. Ich hatte großes Glück, denn am Februar begann ihre Lesereise in Chemnitz und ich war sozusagen bei der Generalprobe für alle anderen Lesungen dabei. Dementsprechend war es manchmal holprig, aber immer sehr kurzweilig. Aber in diesem Artikel geht es nicht um Sarah Kuttners Disziplin Lesungen durchzuziehen; die hat sie nicht. Mir geht es um ihr am vergangenen Silvester veröffentlichtes Buch „180 Grad Meer“.

Und täglich grüßt die Wut

Jule, eigentlich Juliane, hat eine zahnfarbene Aura. Das diffus Unangenehme ist ihr Element und ihr Anspruch an sich selbst. Sie ist erwachsen, aber noch nicht sonderlich alt. Ihr Geld verdient sie mit Auftritten als Soulsängerin in einem Restaurant drei Mal die Woche. Sie hasst ihre Arbeit. Sie hasst die bescheuerten Restaurantgäste, die sich durch ihren Soul so unheimlich gut verstanden und unterhalten fühlen. Sie hasst Daniel, ihre Piano-Begleitung. Sie hasst das Restaurant und sie hasst ihren beschränkten Chef. Und sie schläft mir ihm, warum weiß nicht einmal Jule ganz genau.

Ich brauche die Wut als Signal für die Ungerechtigkeit. Ich halte sie ganz pathetisch hoch wie eine Fahne gegen das Vergessen. Verzeihen ist nicht drin. Außerdem mag ich sie, die Wut. Sie definiert meinen Umriss, ohne sie wüsste ich nicht, wer ich bin. – S. 124

Jule trägt in sich eine Wut, die nicht zu bändigen ist. Diese Wut ist immer da; das ganze Leben nervt Jule. In kleinen Momenten die ein bisschen mehr Geduld fordern als Jule bereit ist zu geben, wird sie unzufrieden, im besten Fall grummelig. Wie kann so eine Person nur mit sich leben? Es ist interessant, wie die personifizierte Unzufriedenheit sich durch das Leben schleifen lässt. Und man wundert sich darüber, dass Jule sich nicht längst schon in den Kopf geschossen hat mit einer illegalen kleinkalibrigen Waffe oder sich die Pulsadern mit dem frischgeschärften Küchenmesser in der Badewanne aufgeschnitten hat. Aber das würde auch eine deutliche Entscheidung erfordern, ein deutliches Nein zu diesem beschissenen und überaus unglücklichen Leben. Jule ist keine Figur, die sich entscheidet; für sie zählt der Weg, das Ziel gab es noch nie.

180 Grad Meer oder Zusammenbruch und Rettung

Leider sind nicht nur Jules Job und ihr Leben nervig, auch ihre Liebesbeziehung zu Tim ist nach ein paar Seiten von „180 Grad Meer“ am Ende. Tim verlässt sie, wünscht sich eine Auszeit, hat die Nase voll und bittet Jule für eine Weile zu verschwinden. Und das ist der Grund für die Reise nach London und ans Meer, ausgerechnet dahin, wo Jules krebskranker Vater wohnt, zu dem sie seit langer Zeit keinen Kontakt mehr hatte.

180 Grad Meer

„180 Grad Meer“ ist ein ernstes Buch. Der Grundton ist melancholisch. Die Unzufriedenheit tropft aus allen Seiten. Sarah Kuttner hat ein Experiment gewagt: Sie wollte sehen, wie ein so wütendes Geschöpf überhaupt im Leben klarkommen kann. Und damit schreibt Sarah Kuttner nicht primär über ihre eigenen Erfahrungen als Mensch, sondern tastet sich tatsächlich an eine Figur beim Schreiben heran. Und genau deshalb ist das Buch auch etwas anders als ihre Oblatengeschichten oder die Wachstumsschmerzen. Ein Buch von Frau Kuttner kommt gewiss nicht ohne Ironie und Zynismus aus, das wäre ein Trugschluss. Hier und da sind kleine Sekunden des Lachens für den Leser eingeflochten, der muss ja schließlich noch wissen, wo er hier ist. Nichtsdestotrotz bleibt für den großen literarischen Wurf noch etwas Luft. „180 Grad Meer“ unterhält, aber ob der Leser sich nach 3 Monaten noch an das Buch und seinen Inhalt erinnern kann, bezweifle ich. Völlig daneben finde ich allerdings, dass Sarah Kuttners Bücher keine Literatur sein sollen. „180 Grad Meer“ ist ganz sicher Literatur!

Ich mag alte Menschen lieber als alle anderen Menschen. Die sind schon irgendwie durch mit dem ganzen prätentiösen Teil des Lebens, sie haben sich oft bereits abgefunden mit dem Jetzt, ihre Masken sind größtenteils schon abgebröckelt, darunter nur noch purer, alter Mensch. – S. 173

In „180 Grad Meer“ spielen die Portraits großer Menschen Gastrollen. Auftritte haben die Queen und ihr Lieblings-Corgi oder auch Honecker kehrt für einen kurzen Moment zurück in den Mittelpunkt. Eigentlich soll das wohl nur absurd wirken, aber für mich ist es der krasseste Kontrast zwischen der gescheiteren jungen Frau und Menschen, die tatsächlich einmal in ihrem Leben Entscheidungen fällen mussten. Aber eigentlich ist Jule auch nicht gescheitert, denn eigentlich geht es ihr ziemlich gut. Sie ist nicht bettelarm, sie findet auch leicht Jobs, sie ist kein Quasimodo. Aber all das Gute in ihrem Leben sieht sie nicht, sie will es nicht. Das Bad in der eigenen Unzufriedenheit ist bequem und schafft ihr eine große Komfortzone. Und in diesem Sinne war das Buch manchmal schwer zu ertragen, aus Ärger und Mitgefühl mit der Protagonistin. Wann übernimmt Jule endlich einmal Verantwortung für sich?

180 Grad Meer 2

Fazit

„180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner ist ein toller Roman, der seinen Leser gut unterhält.

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Kommentierfrage: Fühlt ihr euch manchmal auch unzufrieden mit allem? Könnt ihr Jules Wut verstehen?

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