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Abhandlung eines Vagabundenlebens: On the Road [Gastbeitrag]

On the road Jack Kerouac

Es geht um einen absoluten Klassiker, der in der Popularkultur seines Gleichen sucht. Ein Werk, das nicht nur die Sportfreunde Stiller in ihrer rotzig-lebensfrohen Art besungen haben. Auch King Crimson und BAP widmeten dem Werk ihre Musik. Es geht um „Unterwegs“ von Jack Kerouac. „Unterwegs“ habe ich mehrfach gelesen. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft genau. Denn durch die enorme Geschwindigkeit, die dieser Roman entwickelt, kann der Leser schon mal den Überblick verlieren – ein Lesedurchgang verschwimmt mit dem nächsten. Wie ein schnelles Auto (vielleicht von Neal Cassidy gesteuert), das hektisch durch serpentinenartige Kurven schießt, riss es mich jedes Mal mit. Beim ersten Durchgang ließ sich nicht erahnen, was als nächstes kommt und immer reihte sich ein Ereignis staccato-artig an das Vorherige. Manchmal musste ich mich selbst beim Lesen bremsen, um die Wörter und den Sinn dahinter noch vollends wahrzunehmen. Doch schalten wir einen Gang zurück.

Die Beatniks – Hippies der 1950er

Worum geht’s in dem Buch und wer hat’s geschrieben? „Unterwegs“ (im englischen Originaltitel „On the Road“) stammt aus der Schreibmaschine des Amerikaners Jack Kerouac und wurde 1957 veröffentlicht. Kerouac studierte an der renommierten Columbia University, wo er unter anderem Literatur-Größen wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs kennenlernte. Sie bildeten eine Art literarischen Zirkel und wurden Mitbegründer der Beat-Generation. Die Beatniks, wie sie genannt wurden, waren eine (literarische) Bewegung, die sich den starren, gesellschaftlichen Normen der damaligen amerikanischen Gesellschaft widersetzte. Ihnen war das Vorstadt-Idyll mit Rasensprengern, Doppelgaragen und Kataloghäusern, also den Inbegriffen der Spießigkeit, ein Gräuel. Dafür hegten sie große Faibles für unkonventionelle Musik (Jazz war noch sehr ‚underground‘), Drogenkonsum und dem Erleben des Daseins in all seinen Facetten. Das machte die sogenannten Beatniks zu den perfekten Vorläufern der Hippie-Bewegung.

(Etwas abgerockt und mitgenommen. So, wie dieses Buch aussehen muss.)

Dem Paradies hinterher fahren

Und genau das sind die Protagonisten in „Unterwegs“. Jack Kerouac, der seinem Erzähler den lautmalerischen Namen Sal Paradise gab, reist durch die USA und führt ein Leben im Exzess. Immer dem nächsten Moment auf den Fersen, immer auf dem Sprung, aber doch im hier und jetzt verweilend. Laufend trifft er skurrilste Gestalten, die irgendwie nicht so recht in die eigentliche Gesellschaft passen wollen und verbringt Zeit mit ihnen. Daraufhin zieht er mal mit ihnen, mal ohne sie, aber immer von ihren Geschichten und ihrem Charakter erfüllt, weiter. Er feiert, trinkt, konsumiert, raucht, schreibt, f****, frohlockt, tanzt, empört sich, wird krank, rappelt sich auf und fängt wieder von vorn an.

Zwischendurch versucht er sich an Orten niederzulassen und sich dem Trubel des Unterwegsseins zu entziehen. Solche Ruhephasen sind aber nur von kurzer Dauer. Seine Reisen, die ihn über viele Umwege von Ost nach West führen – mehrfach hin und her, enden schließlich in New York, dem Ausgangspunkt seiner Trips. Er erkundet Amerika kulturell, sozial und politisch. Dabei entdeckt er auch seine eine eigene, amerikanische Seele. Ein steter Begleiter ist Dean Moriarty, der als Charakter ein Tribut an den Autoren, Wanderarbeiter und Freund Kerouacs, Neal Cassidy, ist. Moriarty ist vom Leben geradezu angefixt und inspiriert Paradise dazu, als moderner Vagabund (‚hobo‘) zu leben. Mit von der Partie sind auch Carlo Marx und Old Bull Lee, die den Beat-Ikonen Allen Ginsberg und William S. Burroughs nachempfunden sind.

Prädikat: sehr wertvoll

Unterwegs ist der wohl bekannteste Roman Kerouacs und stellt auf kreativste Art und Weise die Landstreicher-Tradition, Reiselust und eine Sehnsucht nach Non-Konformität vieler junger US-Amerikaner der 1950er dar; ein rastloses „Alles-ist-im-Fluss“, mit dem das Werk schließlich zum Vorläufer und Grundstein der modernen Road-Literatur avancierte. Damit ist es nicht nur ein Meilenstein der Unterhaltungsliteratur, sondern auch eine tiefgreifende kulturelle Überlieferung. „Unterwegs“ ist ein Roman der fesselt und mitreißt, wie eine Achterbahnfahrt durch die Höhen und Tiefen des Lebens. Wie in der Einleitung schon deutlich wurde, habe ich dieses Buch mehrfach verschlungen und war immer wieder begeistert und inspiriert von Kerouacs‘ Schreibkünsten und seinen lebendigen Charakteren.


Zum Autor

Moritz GornyMoritz Gorny ist 27 und lebt in Marburg an der Lahn. Bücher sind seine Leidenschaft, weil sie ihm die Welt so schön facettenreich erklären können und inspirieren, dass zu erforschen, worüber er liest. Er mag es, im Dunkeln joggen zu gehen und hat eine Schwäche für Pfannkuchen.

 

 


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