Kapri-zioes

Eigentlich müssten wir tanzen oder das Ende der Menschlichkeit

Es ist ein Buch wie ein Film. Kurze Szenen, die mit hoher Schlagzahl aneinandergereiht wurden. Ein Augenblick ist unmenschlicher als der davor. Das Tempo ist hoch und erdrückend für das Leserherz. Heinz Helle hat mit „Eigentlich müssten wir tanzen“ einen dystopischen Roman geschrieben, der (wer hätte es auch erwartet) vom Ende der Welt berichtet, wie wir sie kennen. Das Buch stand 2015 auf der Longlist des deutschen Buchpreises und ist der zweite Roman von Hein Helle. Sein Debüt war „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“.

Schöne heile Welt

Eigentlich beginnt alles ganz nett: Fürst, Golde, Gruber, Drygalski und der Erzähler fahren für ein gemeinsames Männerwochenende auf eine Berghütte. Das machten sie schon öfter so. Mal richtig abschalten, die Sau rauslassen, Saufen und dummes Geschwätz über das Leben und wie toll man ist. Wie toll alles ist. Mit etwa 35 Jahren sind die Männer angekommen; Haus, Job, Familie. Aber ab und zu muss auch mal ausgebrochen werden aus der Eintönigkeit des Erfolgs, für 3 Tage etwa. Dann ist es Zeit mit den Kumpels aus der Schulzeit abzuhängen und über das Leben zu sinnieren mit viel Alkohol. Aber nach diesen 3 Tagen ist es dann auch wieder gut, die schöne normale Welt ruft und so sind doch eigentlich alle Männer froh, wenn sie am Sonntagabend wieder in ihr eigenes Leben entschwinden und die Lügen nicht mehr so offensichtlich ertragen müssen.

Das Spiel hieß: Wer bin ich? Und es begann für jeden jedes Mal mit der gleichen Frage: Lebe ich noch? – S. 54

Nur macht es Heinz Helle in „Eigentlich müssten wir tanzen“ es den fünf Kerls nicht so leicht, denn als sie wieder im Tal angekommen sind, müssen sie feststellen, dass es dieses eigene Leben wahrscheinlich nicht mehr gibt, sondern zerstörte Gebäude und viele Tote. Damit beginnt der Kampf ums Überleben, die Suche nach Essen und sicheren Schlafmöglichkeiten. Die Zeit lehrt dabei nicht wählerisch zu sein und so sind oller Gurkensalat auf einem stehengelassenen Buffet und gefrorene Baguettes mit Kräuterbutter ein willkommenes Festessen im Vergleich zu Moos und Aas wenig später.

Die kranke Konsumwelt

Die Sprache von Heinz Helle ist klar und kurz. Ein Stakkato des Weltuntergangs und der Unmenschlichkeit. Denn was bleibt auch übrig von der Menschlichkeit, wenn es plötzlich um das eigene Überleben geht? Freunde werden zum Sterben im Wald gelassen, wenn sie der Gruppe zur Last fallen, Frauen werden vergewaltigt und Feinde besser getötet. Das ist sicher und einfach und hat wenig mit Goethes edlen Menschen zu tun. Und wem gibt Hein Helle die Schuld an diesem ganzen Unrecht? Es verwundert wenig – dem Menschen und seiner Konsumsucht.

Die Welt ist krank. Sie hat Fieber – Konsumfieber. Um alles muss sich bewegen immerzu. Wohin sich die Dinge bewegen, ist eigentlich egal, es geht nur die Bewegung selbst. Fürst, Golde, Gruber, Drygalski und der Erzähler sind gemachte Männer, mittendrin und voll dabei in dieser Konsumwelt. Sie machen sich nur wenige Gedanken, ob das alles so gut ist, Hauptsache ihnen geht es gut – sie haben alles, was sie brauchen und noch ein bisschen mehr.

Die neue Geißel der Menschheit heißt chronisches Erschöpfungssyndrom. Allen ist alles zu viel, zu kompliziert, zu egal. Die meisten wollen in Ruhe fernsehen und schlafen. Aber so kann man keine Gesellschaft organisieren. – S. 56

Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist Konsumkritik und damit sagt er eigentlich nichts Neues. Der Dystopie fügt er keine neue Idee hinzu. Nichtsdestotrotz lässt die Grausamkeit der knappen Szenen den Leser nicht kalt, für einen winzigen Augenblick könnte die Botschaft ankommen. Aber dann? Der Autor begnügt sich mit der Beschreibung des Wahnsinns, eine Therapie hat auch er nicht zu bieten. Denn diese ist eigentlich die Aufgabe des Lesers.

Fazit

„Eigentlich müssten wir tanzen“ von Heinz Helle ist präzise geschrieben. Es ist ein ungemütliches Buch für den Leser. Konsumkritische Menschen werden es lieben.

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