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Stürme im Gehirn oder der Mistkerl Morbus Parkinson [Anzeige]

Es ist ein Drama, eine Tragödie. Das Leben hat sich mal wieder von hinten angeschlichen und schonungslos das Brotmesser in den Rücken eines Menschen gerammt. Jon Palfreman ist Journalist, er war sogar Professor für Journalismus an der University of Oregon. Sein Spezialgebiet ist die Medizin und dafür wurde er vielfach ausgezeichnet. Während seiner beruflichen Laufbahn schrieb er auch Texte über die Krankheit Parkinson. Umso ironischer ist die Diagnose, die Jon Palfreman 2011 im Alter von 60 Jahren erhält: Morbus Parkinson. Die Nachricht wird begleitet von Schock und Verdrängung; die Angst vor der Zukunft frisst sich unaufhaltbar in jede Zelle des Körpers. Aber Palfreman gibt nicht auf, angespornt von seiner eigenen Krankheit beginnt er, Fakten über Parkinson zu sammeln. Im Februar 2016 veröffentlichte der Beltz Verlag Jon Palfremans Buch „Stürme im Gehirn“. In diesem Buch verknüpft der Autor seine eigene Erfahrung mit den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Krankheit Parkinson.

Die Symptome des Zerfalls: Ein progressiver Verlauf

Das Buch „Stürme im Gehirn“ beginnt mit sorgfältig recherchierter Medizingeschichte: In den letzten zwei Jahrhunderten wurden lose Symptome wie Tremor, gebeugte Haltung, Mikrographie (also dem kleiner werden der Handschrift) oder sogar völlige Unfähigkeit zur Bewegung zu einer eindeutig identifizierten Krankheit mit eigenem Namen: Morbus Parkinson. Weder Berühmtheit noch überdurchschnittliche Intelligenz schützen vor der Schüttellähmung: Zu den prominenten Opfern gehören Thomas Hobbes, Wilhelm von Humboldt, Mohammed Ali und Michael J. Fox. Männer sind in der Regel anfälliger für eine Erkrankung als Frauen. Und wiederrum macht ein hohes Alter den Ausbruch von Parkinson wahrscheinlicher, aber es gibt auch Fälle, die im jungen Alter von 30 ihr ganzes Leben überdenken müssen.

Parkinson zu haben ähnelt ein wenig den Erfahrungen bei einer Reise von einem Land mit Rechtsverkehr in ein Land mit Linksverkehr. – S. 74

Es ist keine Untertreibung, dass man mit der Diagnose das Leben überdenken muss. Radikal und komplett. Ich wünsche niemanden das als eigene Erfahrung. Jon Palfreman drückt in „Stürme im Gehirn“ die Grausamkeit der Hiobsbotschaft sehr gut aus. Als Leser habe ich mitgelitten. Parkinson ist im Vergleich zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen wie beispielsweise Alzheimer, Huntington oder Creutzfeldt-Jakob nicht ganz furchtbar. Nach der Diagnose können Patienten immer noch viele halbwegs gute Jahre bis zum Tod haben. Außerdem sind die Patienten in der Regel nicht mehr ganz jung, sie haben schon den Großteil ihrer Lebenszeit erleben dürfen. Im Vergleich also nicht die ganz große Tragödie, aber was heißt das schon im Einzelfall? Es ist kein großer Trost, wenn man dem sicheren Verfall des eigenen Körpers gegenübersteht und die Angst vor der Zukunft wird nicht geringer. Im allerletzten Stadium löst Parkinson Demenz aus, niemand möchte sein Ich verlieren.

Hoffnung auf neue Heilmittel

Es verwundert wenig, wenn Jon Palfreman in „Stürme im Gehirn“ sich viel lieber der Hoffnung widmet als dem Verfall. In einem Großteil der Kapitel widmet er sich der neusten wissenschaftlichen Forschung zu Möglichkeiten der Therapie und möglicherweise einem neuen Heilmittel. Seit etwa den siebziger Jahren hat die Medizin sehr viel über die Krankheit herausgefunden. Mehrmals glaubte man, endlich den großen Durchbruch geschafft zu haben: Eine Heilung von Parkinson. Bisher ist das noch nicht der Fall. Neue Ideen entpuppten sich als nicht ganz so wirkungsvoll. Nichtsdestotrotz wissen Ärzte heute mehr über die Krankheit: wodurch sie entsteht, was die Krankheit begünstigt und womit das Risiko einer Erkrankung gemindert werden kann. Besonders interessant war es für mich zu erfahren, dass die motorischen Symptome wie der Tremor nicht das erste Stadium sind. Parkinson beginnt schon etwa 5 Jahre vor den ersten klassischen Anzeichen. Es gibt Optionen, wie Schüttellähmung therapiert werden kann und sie den Patienten zumindest etwas Lebensqualität zurückgegeben wird. Auch, wenn die Therapie noch keinesfalls die Heilung bedeutet.

„Stürme im Gehirn“ ist ein interessantes Buch für alle, die Medizin interessiert und wahrscheinlich ganz besonders für alle direkt und indirekt Betroffenen. Es lehrt, dass man sich die Hoffnung nicht nehmen lassen sollte. Und gerade in den letzten Kapiteln macht Jon Palfreman sich und allen anderen große Hoffnung mit einem neuen Heilmittel, das wenn alles gut geht, nicht nur Parkinson, sondern auch Alzheimer heilen kann.

Man sagt, dass eine Parkinson-Diagnose kein Todesurteil, sondern ein Lebensuteil ist. – S. 281

Dieser Artikel wurde gesponsert vom Beltz Verlag.