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Ein Abend mit Sarah Kuttner und Hund

Sarah Kuttner

Wie könnte man den Auftakt einer Lese-Tour besser beginnen, als dem Publikum die Vor- und Nachteile der Lesung aufzuzählen? Immerhin hat der Zuhörer dann noch die Chance möglichst schnell das Weite zu suchen, bevor es zu spät ist und sich der Abend als Fehlinvestition in finanzieller und zeitlicher Hinsicht entpuppt – in der Betriebswirtschaftslehre könnte man das als Risikominimierung bezeichnen. Ist Sarah Kuttner nun also besorgt um ihre Zuhörer? Ein bisschen vielleicht. Jedenfalls hat sie Mitleid mit den armen Männern, die von ihren Freundinnen gezwungen wurden, anlässlich des Valentinstags auf eine Sarah Kuttner Lesung zu gehen. Im Publikum hat sich genau ein Mann geoutet und diesem wollte Frau Kuttner am liebsten irgendwas schenken, um ihren oder seinen Schmerz zu lindern.

Sarah Kuttner

Chemnitz von seiner besten Seite: Schräge Kostüme, dämliche Publikumsfragen und Rudel mit besorgten Bürgern

Im Chemnitzer Kabarett fand gestern Abend die erste Lesung von Sarah Kuttners Lese-Tour zu ihrem neuen Buch „180 Grad Meer“ statt. Das Kabarett mit seinen 134 Plätzen plus 50 Notsitzen (also insgesamt 184 Plätzen) war restlos ausverkauft schon Tage vor der Lesung. Dass zumindest das Chemnitzer Kabarett den Abend als Erfolg verbuchen können würde, war also klar und ist nicht nur eine kühne Behauptung.  Aber wer sorgt eigentlich für volle Hallen in Chemnitz? Wer von den Chemnitzern ist so scharf auf einen Abend mit einer ehemaligen VIVA und mtv Moderatorin? Nun zumindest nicht die besorgten Bürger, die sich vor der Lesung an der Stadthalle versammelt haben, um zu zeigen, wie schlecht diese ganze Islamisierung für das Deutsche Vaterland ist. Denn die Wutbürger waren fleißig demonstrieren und bereiteten Frau Kuttner damit einen feierlichen Empfang in Chemnitz. Kurzzeitig erhob der PEGIDA-Mob Kuttner und Gefolge zur Speerspitze des Widerstands, aber nur aus Versehen. Dramatisch muss diese Ankunft gewesen sein und man hat es Sarah Kuttner auch zu Beginn ihrer Lesung angemerkt.

Das Publikum der Lesung bestand aber zum Glück nicht aus (latent) rassistischen Wutbürgern, sondern aus „gepflegt aussehenden, leicht alternativ denkenden Menschen“, wie einer meiner Freunde, André, sagte. Überwiegend waren die Zuhörer weiblich, vereinzelt wurden Männer gezwungen, als Begleiter zu fungieren. Alles ganz harmlos also. Ebenfalls sehr harmlos, aber manchmal nicht ganz auf intelligentem Niveau waren die Fragen an Sarah: Gegruselt hat es mich bei der Suggestivfrage, ob das Buch und die Hauptfigur nicht ganz viel mit Sarah Kuttner zu tun hätte, denn das spüre die Leserin. Die Hauptfigur im Buch hasst sich permanent selbst und ist wütend auf alles und jeden. Frau Kuttner müsste shizophren sein, wenn diese Unterstellung stimmen sollte. Nun, zumindest hatte Sarah Kuttner am Montag ihre letzte Therapiesitzung – das würde die idiotische Mutmaßung unterstützen. Mein persönlicher Liebling aller Publikumsfragen war aber die Meldung einer Frau nach der Lesung, worum es denn jetzt eigentlich im Buch ginge. Es wurde sich eine kleine Inhaltsangabe zu Beginn der Lesung gewünscht oder so etwas in der Art. Nicht einmal die Autorin hat die Frage zur Gänze nachvollziehen können und ich möchte das gern unkommentiert wirken lassen.

Außerdem hat sich Chemnitz von einer weiteren seiner wunderschönen Seiten gezeigt: Auf dem Weg zur Lesung vom Bahnhof konnte Sarah den besten Kostümverleih der Stadt auf der Straße der Nationen bestaunen. Im Schaufenster war das Kostüm eines dicken Schwulen in Leder-Fransen-Outfit zu sehen, nach ihren Worten waren in diesem alle Charaktere der Village People vereint. Im Jahr zuvor hat sie in diesem Laden schon eine andere politisch unkorrekte Verkleidung gesehen. Eigentlich ist es ein Wunder, dass Sarah Kuttner trotz dieser negativen Eindrücke ihre Lesung so gut gelaunt absolvieren konnte. Sie konnte die Chemnitzer trotzdem genug lieb haben, um den ganz wundervollen Gang einer Zuhörerin auf die Toilette zu wertschätzen und extra auf sie zu warten, bevor es mit der Lesung weitergeht. Und das Publikum hatte Sarah sogar so lieb, dass es besonders auf Kuttners Hund achtete: Mehrmals wurde der Hund vom Publikum ermahnt, sich nicht an der Pfote zu lecken und jeder achtete peinlich darauf, dass der Hund es nicht verpasst, um 22 Uhr seine Schilddrüsentablette einzunehmen. Zusammenfassend es war ein sehr unterhaltsamer Abend, es gab keine Sekunde Langeweile und es war auch überhaupt nicht schlimm, dass die Lesung eigentlich keine Lesung war. Vielmehr war diese Veranstaltung ein Sarah-Kuttner-Promo-Abend mit gelegentlichen Auszügen aus ihrem neusten Buch.

Sarah Kuttner2

4 Kommentare

  1. Ich hasse dich, aber ich liebe dich auch für diesen Lesungsbericht. Mein Herz blutet gar sehr, weil Fräulein Kuttner bisher noch keinen Lesungstermin in der Nähe von München genannt hat. Oh weh, oh weh.

  2. Die intensivste Liebe ist doch die Hass-Liebe! <3 Frau Kuttner tut es auch sehr leid, dass sie Bayern vergessen haben bei der Lesereise. Das wird jetzt ganz schnell nachgereicht!!! Also dein Kummer wird sicher ein Ende haben.

  3. Ich würde Sarah Kuttner auch gerne mal live sehen, freue mich aber für dich, dass du immerhin die Chace bekommen hast. Vielleicht muss ich einfach mal ein wenig weiter fahren ;).

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