S. Das Schiff des Theseus oder das krasseste Buch des Jahres

Das Schiff des Theseus V.M. Straka

Aus einer spontanen Idee am Flughafen entwickelte sich das spannenste literarische Experiment seit Jahren. J.J. Abrams fand auf dem Flughafen in Los Angeles ein Buch, in welchem stand, dass man dieses Buch bitte lesen und dann aber wieder für eine andere Person liegen lassen soll. Zufälligerweise gehört J.J. Abrams zu den kreativsten Ideengebern Hollywoods, er war Regisseur für Filme wie Star Trek (2009), Super 8 und jetzt Star Wars: Das Erwachen der Macht. Zu großen Teilen sind ihm auch die Serien Lost, Alias – Die Agentin oder Fringe – Grenzfälle des FBI zu verdanken. J.J. Abrams hatte also die Idee ein literarisches Experiment zu wagen und übergab sie Doug Dorst, der kreatives Schreiben an der Texas State University lehrt. Heraus kam „S. Das Schiff des Theseus“, dass mich unglaublich begeistert hat und wohl noch ein bisschen beschäftigen wird.

Um es nochmals zu verdeutlichen, die eigentliche Arbeit hat Doug Dorst gemacht. J.J. Abrams gab lediglich den Anstoß, wie bei vielen seiner Projekte. Seit Oktober ist von „S. Das Schiff des Theseus“ eine deutsche Übersetzung erhältlich, die Übersetzer waren Tobias Schnettler und Bert Schröder. Ich habe mir bereits vor 1,5 Jahren „S“ gekauft, das englische Original. Und ich rate jedem, der nicht sehr gut Englisch beherrscht, lieber auf die Übersetzung auszuweichen. Es fallen ziemlich häufig Wörter, die kaum in der Alltagssprache verwendet werden.

S. – Ein Mysterium

Das Buch besteht aus mehreren Erzählebenen. Zugrunde liegt dem Experiment die Geschichte „Das Schiff des Theseus“. Das ist eine Art Abenteuerroman verfasst im Stil von Kafka, Karl May und James Bond, aber auf Alkohol. Die „innere Geschichte“ liest sich also wie ein Klassiker. Und sie beginnt mit dem Auftauchen von S. aus dem Nichts. Er weiß selbst nicht, wer er ist und wo er herkommt. S.  landet in einer Hafenkneipe und lernt eine schöne Frau kennen, Sola. Literaturkenner ahnen natürlich Böses: S. wird irgendwie unter Drogen gesetzt und findet sich dann an Bord eines mysteriösen Schiffs mit Gruselbesatzung wieder.

Das Schiff des Theseus

Every story has at least a little truth in it. Every story comes from somewhere. – S. 149

Das fiktive Buch „Das Schiff des Theseus“ stammt vom Autor V.M. Straka, der wohl mindestens so mysteriös wie dessen Protagonist S. ist. Schon allein der Autorenname klingt die Verwandtschaft mit Kafka an. Keiner weiß, wer Straka war. Er ist ein Geist wie Shakespeare. Um die Identität noch weiter zu verschleiern, schreibt Straka jedes seiner Bücher in einer anderen Sprache, man kennt also nicht einmal seine Nationalität im Ansatz. „Das Schiff des Theseus“ verfasste er in Tschechisch, übersetzt wurde es von F.X. Caldeira. Der Übersetzer oder die Übersetzerin ist ebenfalls zunächst unbekannt. Im Buch findet sich dann die zweite Ebene – die Fußnoten durch den Übersetzer.

We are the sums of our experiences? Or do some of them change us in fundamental ways? – S. 248

Um dem Werk noch eine weitere Schicht hinzuzufügen Schreiben die Studenten Jen und Eric sich Nachrichten und Hinweise in ein altes Bibliotheksexemplar von „Das Schiff des Theseus“. Gemeinsam versuchen sie die Geschichte zu deuten und das Geheimnis hinter V.M.Straka zu entschlüsseln. Die äußere Geschichte entwickelt sich nicht unbedingt linear, wie die innere Geschichte um S. Jen und Eric lesen das Buch mehrmals und hinterlassen auch immer andere Komentare. Die Chronologie wird in der englischen Variante wie folgt angedeutet:

1.    Bleistiftmarkierungen durch Eric: Damals kannten er und Jen sich noch nicht.
2.    Blau (Jen) und Schwarz (Eric): Die beiden lernen sich kennen und beginnen einander zu schreiben über das Buch.
3.    Grün (Eric) und Orange (Jen) Der zweite Durchgang.
4.    Lila (Jen) und Rot (Eric): Der dritte Durchgang, nachdem sich beide gesehen haben.
5.    Schwarz (beide): Der letzte Durchgang.

Anhand der Farben erkennt man sehr gut, wie sich auch die Deutung der Textpassagen für die beiden ändert und natürlich ihre Beziehung zueinander. „S. Das Schiff des Theseus“ ist also eine sehr verschachtelte Angelegenheit. Persönlich empfehle ich, immer erst ein Kapitel der inneren Geschichte zu lesen und danach die Bemerkungen und Beilagen zu dem Kapitel. Zuerst habe ich versucht, die Geschichte Seite für Seite zu lesen, allerdings kommt so die eigentliche Geschichte kaum in Fluss.

Das Schiff des Theseus 1

Rätsel über Rätsel in „S. Das Schiff des Theseus“

Jen und Eric versuchen hinter die Identität von V.M. Straka zu kommen. Zu Beginn gibt es dafür mehrere Varianten:
1.    Straka existiert und Caldeira übersetzte und füllte die Lücken in der Geschichte, wo Teile verloren gingen.
2.    Caldeira füllte nicht nur die Lücken, sondern fügte auch noch weitere Teile nach eigenem Ermessen hinzu.
3.    Caldeira musste überhaupt keinen Inhalt hinzufügen und Straka schrieb das Buch allein.
4.    Straka und Caldeira sind die gleiche Person.
5.    Das ganze Buch ist ein Hoax und jemand imitiert lediglich Strakas Schreibstil.

Parallel dazu verläuft die Entwicklung von S. in der inneren Geschichte. Er kennt seine Identität nicht und versucht zu entdecken, wer er ist. Gespiegelt wird das vom Geisterschiff, auf dem S. mehr oder minder freiwillig Passagier ist. Das Schiff des Theseus ist ein Paradox aus der Antike: Verliert ein Gegenstand seine Identität, wenn nacheinander alle seine Einzelteile ausgetauscht werden? Die Frage nach der Identität zieht sich durch das gesamte literarische Experiment.

And his greatest revelation is personal: he doesn´t care about Vévoda anymore. As long as the man lives, S. and others will resist what he brings to the world. When Vévoda dies, someone else will take his place. When S. dies, someone else will take his place. Another S. Another story. – S. 451

Ein weiteres interessantes Motiv ist die Verehrung des Wortes. An vielen Stellen taucht die Liebe zum Wort und der Erzählung in unterschiedlichsten Formen auf: Als Malerei in einer Höhle, Niederschriften von diversen Personen im Buch, in den Worten von S. und natürlich in den Bemerkungen von Jen und Eric, die erst durch das geschriebene Wort zueinander finden.

Das Schiff des Theseus 2

Wenn man „S. Das Schiff des Theseus“ wirklich für sich entdecken möchte, dann sollte man sich dafür viel Zeit nehmen. Es reicht nicht, das Buch einmal komplett durchzulesen, um alles zu entdecken. Doug Dorst hat in den Kapiteln viele Rätsel versteckt:

  • Wie kann die Nachricht von Caldeira in Kapitel 10 mithilfe der EOTVOS-Drehscheibe gelöst werden?
  • Wie können im Allgemeinen die Fußnoten in jedem Kapitel entschlüsselt werden?
  • Was haben die Affen zu bedeuten und warum soll man ihnen folgen?
  • Warum passiert aller 19 Seiten etwas Wichtiges im Buch?
  • Was sind die Städte, deren Anfangsbuchstaben nur gegeben sind?

Fazit

„S. Das Schiff des Theseus“ ist ein grandioses literarisches Experiment, dass dem Leser noch viele Dinge offen lässt, um ihn tagelang zu beschäftigen.

Weitere Rezensionen auf anderen Blogs:
Lesestunden
Bibliophilin
Das graue Sofa

Kommentierfrage: Habt ihr „S. Das Schiff des Theseus“ schon gelesen? Was ist euer Eindruck?

Kommentar verfassen