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Swetlana Alexijewitsch und Secondhand-Zeit

Swetlana Alexijewitsch - Secondhand-Zeit

Ein Mammutwerk hat mich den Dezember hindurch begleitet. Ich habe ziemlich lange am Buch „Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch gelesen. Über 20 Tage. (Diese Zahl habe ich anhand meines Lesenotizbuchs errechnet.) Es gab nur wenige Bücher im Jahr 2015, die mich im gleichen Ausmaß bewegt haben. Bewegt im negativen und im positiven Sinne, aber dazu später mehr.

Swetlana Alexijewitsch – Die Literaturnobelpreisträgerin

Kommt dir dieser Name irgendwie bekannt vor, du kannst ihn aber nicht ganz zuordnen? Das kann gut möglich sein: Im Oktober bekam Swetlana Alexijewitsch den Literaturnobelpreis verliehen. Zwei Jahre zuvor bekam sie schon den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, eine große Ehre und ein politisches Signal zugleich.

Alexijewitsch ist Weißrussin, verfasst ihre Werke aber auf Russisch. In Russland gilt sie trotzdessen als Ausländerin. Sie lässt sich in eine Reihe mit Solschenizyn und Brodsky stellen. Allesamt Literaturnobelpreisträger und Figuren des intellektuellen Widerstands gegen die russische Staatsmacht. Solschenizyn war verboten zu Zeiten des Kommunismus, er konnte nur heimlich mittels maschinengetippter Abschriften gelesen werden und das unter größter Gefahr. Denn wenn man erwischt wurde, dann konnte das sehr böse enden. Mit böse meine ich Haft, Folter, Arbeitslager, Tod. Dissidenten hatten nichts zu lachen.

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Swetlana Alexijewitsch in diesem Jahr ist für Russland ein Signal, ein extrem starkes sogar. Allerdings fällt die Begründung der Schwedischen Akademie nur sehr knapp aus, Uneinigkeit oder fehlender Mut könnten die Ursachen sein. Die Begründung für die Verleihung des Preises lautete: „Für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Dem Leiden des einfachen Volkes? Dem Mut der Bürger, die Widerstand leisten? Vieles bleibt offen, nichts wird deutlich gemacht.

Vor der Revolution von 1917 schrieb Alexander Grin: „Die Zukunft ist nicht mehr an ihrem Platz.“ Seitdem sind hundert Jahre vergangen, und wieder ist die Zukunft nicht mehr an ihrem Platz. Wir leben in einer Secondhand-Zeit. – S.17

Eine Polyphonie des Kommunismus: Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Es könnte sich gestritten werden, ob Alexijewitsch Bücher nun große literarische Kunst sind. Schließlich bestehen ihre Bücher aus den Aufzeichnungen von Interviews, also aus Worten Anderer. Ich sage, es ist große Kunst. Ich möchte mir nicht die Mühen ausmalen, die das Erstellen eines solchen Gesprächsbuchs macht. Tagelange Reisen durch die ehemalige Sowjetunion und das Ganze unzählige Male, nur damit eine Person zu Wort kommen kann. Swetlana Alexijewitsch kuratiert diese Stimmen des ehemals sozialistischen Volkes und ihre Geschichten. Es kommen sehr unterschiedliche Personen zu Wort: Kommunisten, Soldaten, neureiche Russen, Kriegshelden des 2. Weltkrieges, Selbstmörder, ehemalige Lagerinsassen, Auswanderer, Terroropfer, Frauen, Männer und so viele andere Menschen, die ich aufgrund der schieren Vielfältigkeit schon wieder vergessen habe.

Das russische Volk ist überhaupt nicht gut. Das ist ein großer Irrtum. Es ist mitleidig und sentimental, aber nicht gut. – S. 458

Secondhand-Zeit berichtet vom Scheitern einer politschen Ideologie aus unterschiedlichsten Blickwinkeln der Gesellschaft. Es entsteht im Buch eine ganz eigene Dynamik – ein Chor, in dem doch jede Stimme für sich klingt. „Secondhand-Zeit“ hat mich erschüttert, diese Gesprächsfetzen sind alle wahnsinnig dicht geschrieben. Eigentlich ist dieses literarische Unterfangen unmöglich, es ist so ein bisschen als würde die sowjetische Seele auf Papier festgehalten.

Das Elend als kleinster gemeinsamer Nenner

Einerseits war ich also gefesselt von den Lebensgeschichten und den Meinungen über den Sozialismus, andererseits jagten mir manche Geschichten auch einen Schrecken ein. Es fühlt sich nicht gerade behaglich an, wenn man über die Grausamkeiten des Kommunismus oder Stalinismus lesen muss. Gewisse Bilder bleiben dann ersteinmal für ein paar Minuten oder auch Tage im Kopf: Menschen lebendig verbrannt oder begraben; Menschen, die an Seilen auseinandergerissen werden oder gefoltert und zerstückelt. Das Spektrum des Schreckens ist groß.

Ich sterbe bald an meinen Geschichten … Warum erzähle ich sie Ihnen? Sie werden mir nicht helfen. Schön, Sie schreiben es auf, veröffentlichen es … Gute Menschen werden es lesen und weinen, doch die schlechten … auf die es ankommt … die werden es nicht lesen. – S. 483

Und was bleibt vom Lesen dieses Buchs übrig? Der Mensch ist groß. Der Mensch ist grausam. Schmerz und Leid sind unendlich. Keinem der Befragten geht es tatsächlich gut. Warum geht es keinem gut? Sogesehen ist das menschliche Elend der kleinste gemeinsame Nenner. Swetlana Alexijewitsch schildert deutlich, was vom Sozialismus übrig geblieben ist. Ein Landstrich voller Spannungen mit vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, die durch eine Idee vereint waren und nun nicht mehr sind. Ein großes Imperium, das vergangen ist.

Fazit

Auch wenn das Lesen dieses Literaturmonuments viele Tage dauert, es ist jede einzelne Minute Lesezeit wert. Swetlana Alexijewitsch ist den Literaturnobelpreis wert.

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Muromez

Kommentierfrage: Habt ihr von Swetlana Alexijewitsch schon etwas gelesen?

2 Kommentare

  1. Will man Russland und die Russen verstehen, muss man dieses Buch gelesen habe. Ich stimme dir beim Fazit zu.

    Beste Grüße

  2. Hallo Janine, wieder ein sehr guter Beitrag, dass Gegner der sowjetischen Staatsmacht nichts zu lachen hatten, ist sicher den meisten bekannt. Aber mal die Meinungen vieler Betroffener zu lesen, ist interessant und korrigiert viele oberflächliche Haltungen zu diesem Thema. Viele Grüsse, Olaf

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