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Alina Bronsky und Baba Dunjas letzte Liebe

Alina Bronsky - Baba Dunjas letzte Liebe

Tschernobyl. Verseuchtes Gebiet. Eigentlich würde kein Mensch, der noch seinen Verstand besitzt dort leben wollen. Die Strahlung ist in der Luft, in jedem Apfel, ja sogar in dem Gras, welches die Ziegen fressen und so sind die Ziegen auch verstrahlt. Aber niemand konnte mit Baba Dunja rechnen, sie kann ihre alte Heimat nicht aufgeben. Nach der jahrelangen Plagerei als Schwester im Krankenhaus möchte sie in ihrem Ruhestand wirklich ihre Ruhe haben. Dafür gibt es natürlich keinen besseren Ort als das Sperrgebiet. Bisschen Nervenkitzel im Ruhestand muss schon sein. Von diesem Leben handelt das Buch „Baba Dunjas letzte Liebe“ von Alina Bronksy.

Alina Bronsky

Die Autorin Alina Bronsky ist selbst in Russland, genauer in Jekaterinburg geboren. 1978 war das. Ihr Vater ist Physiker, ihre Mutter Astronomin. In ihrer Jugend wanderte die Familie nach Deutschland aus, deshalb verbrachte Alina Bronsky ihre Jugend in Darmstadt und Marburg.

Baba Dunja

Tschernowo heißt das kleine Dorf, in welchem Baba Dunja sterben möchte, in Frieden. Sie bleibt allerdings nicht lange allein, nach und nach ziehen noch mehr alte Menschen zurück in das Dorf ihrer Jugend. Es ist ein seltsames Bild, das Alina Bronsky in ihrem Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ malt, seltsame Alte leben dort fast wie im letzten Jahrhundert, ohne fließend Wasser, aber mit einem Telefon, das ab und zu funktioniert. Zu essen gibt es, was die Menschen selbst anbauen oder was man von einem der wenigen Besuche in der Zivilisation mitbringt. Beim Lesen musste ich die ganze Zeit an Pippi Langstrumpf und ihre Villa Kunterbunt denken. Baba Dunja ist Pippi und das ganze Dorf ihre Villa. Baba ist eigensinnig und hat zu allem ihre Meinung, sie fragt niemanden mehr um Rat, ist sowieso für nichts gut. Baba Dunja möchte ich nicht als Mutter haben, zu anstregend ist diese Person mit ihrer Sturheit und dem eisernen Willen, die Dinge jetzt so zu machen, wie sie es will.

Meine Arbeit hat mich gelehrt, dass Menschen immer und ausschließlich das tun, was sie wollen. Sie fragen nach Ratschlägen, aber eigentlich brauchen sie fremde Meinungen nicht. Aus jedem Satz filtern sie nur das heraus, was ihnen gefällt. Den Rest ignorieren sie. – S. 63

Tschernowo steckt fest im Gestern, existiert aber im Heute. „Baba Dunjas letzte Liebe“ ist auf eine Art ein Endzeitroman. Im Dorf wird es auf lange Zeit nicht mehr geben als diese Verrückten Alten, die aber eigentlich auch nur zum Ausklingen ihres Lebensabends dort wohnen, weil sie in Tschernowo nicht mehr genervt werden von der Gesellschaft. An diesem unwirklichen Ort gibt es keinen Staat und keine Regierung, mit Glück fährt ein Bus von einer Haltestelle, die nach 2 Stunden Fußweg erreicht werden kann. Selbst der Bestand dieser Busverbindung ist ungewiss, es wird sie wahrscheinlich nicht mehr ewig geben. In Tschernowo gibt es keine Zukunft, nur die romantische Idylle sterbenden Lebens.

Alina Bronsky 1

Ich meine, wird diese Gegend irgendwann vergessen, was man ihr angetan hat? In hundert, zweihundert Jahren? Werden hier Menschen leben und glücklich und sorglas sein? Wie früher? – S. 100

Die letzte Liebe

Wer anhand des Titels auf eine schnöde Liebesgeschichte gehofft hat, der wird enttäuscht werden. Es gibt keinen Mann mehr in Baba Dunjas Leben, darum ging es nie. Die meisten Frauen kommen viel besser in ihrem Leben klar als mit einem Alkohol trinkenden Mann, dieser Ansicht ist auch Baba Dunja. Ihre letzte Liebe ist sie selbst und das Leben. „Baba Dunjas letzte Liebe“ ist auf eine schräge Art melancholisch und fröhlich zu gleich. Alina Bronsky schreibt sehr klar, ohne große Umschweife, kann aber einer gewissen Poetik nicht entbehren. Halb zufällig stehen im Text wunderbare Sätze. Keiner weiß, warum ein Mensch sowas hervorbringt.

Wenn ich mich in meinem Alter noch über Menschen wundern würde, käme ich nicht einmal mehr zum Zähneputzen. – S. 62

Ohne diese skurile und humorvolle Babuschka würde das Buch allerdings sterben, es liest sich gut. Ganz nett würde man dazu sagen, wäre es ein Mann. Aber ganz nett bleibt halt auch nur ganz nett und niemand mit dem man Jahre gemeinsam verbringen möchte. „Baba Dunjas letzte Liebe“ ist etwas langweilig. Nach dem Lesen bleibt nicht viel übrig, Bedeutsames wird der Leser in Tschernowo nicht finden. Dieses Buch war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015.

Fazit

„Baba Dunjas letzte Liebe“ liest sich schön weg, ist aber etwas langweilig und viel bleibt nicht davon.

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1 Kommentar

  1. Liebe Janine,

    mir hat Baba Dunja ja wirklich gut gefallen, allerdings gibt es einen Titel von Alina Bronsky, den ich noch stärker fand – und zwar: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche, einem Buch, in welchem wieder eine Großmutter die Hauptrolle spielt. Allerdings möchte man so jemanden wirklich nicht in der Familie haben, denn die Dame ist sehr von sich selbst überzeugt und äußerst dreist.

    Vielen Dank fürs Verlinken und viele Grüße,
    Friederike

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