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6 Dinge, die ich an „Der Fänger im Roggen“ von J.D. Salinger bewundere

Der Fänger im Roggen J.D. Salinger
  1. Wie kann jemand bitte 270 Seiten mit kaum Handlung und ganz viel Abschweifungen füllen? Bisher war mir auch nicht wirklich bewusst, dass das funktioniert und dass dies dann auch noch große Literatur ist, aber bei „Der Fänger im Roggen“ ist es so.
  2. „und so“. Diese zwei Wörter in dieser Kombination finden sich auf jeder Seite etwa fünf Mal oder noch häufiger.
  3. Beim Lesen des Buchs hatte ich einen unfassbar schrägen Moment. Ungefähr die ersten 100 Seiten nervten mich unvorstellbar. Da ist dieser spätpubertierende Kerl (Holden Caulfield), der eigentlich keinen Plan hat und den irgendwie alles ankotzt. „Ankotzen“ im Sinne von „Nerven“ kommt übrigens auch häufiger im Buch vor. Und eigentlich redet und redet dieser Junge, pausenlos, so kommt es dem Leser vor, aber er sagt kaum etwas. Holden Caulfield regt sich über alles auf und hangelt sich von Nebensächlichkeit zu Nebensächlichkeit. Ich dachte die ganze Zeit, komm bitte zum Punkt. Bitte bitte bitte. Er wird nicht zum Punkt kommen. Niemals. Und dann merke ich, wie das eigentlich gar keine Rolle spielt. Der Monolog des Holden Caulfield wirkt sehr echt, man kauft dem Text tatsächlich ab, dass er von einem jungen Mann in psychischer Behandlung im Sanatorium geschrieben wurde. J.D. Salinger als Autor konnte ich überhaupt nicht wahrnehmen. Ab diesem Moment, auf etwa Seite 100, hatte ich wirklich Spaß beim Lesen. Wie schafft man das, als Schriftsteller ganz hinter der Figur zu verschwinden?
  4. „Was mich richtig umhaut, sind Bücher, bei denen man sich wünscht, wenn man es ganz ausgelesen hat, der Autor, der es geschrieben hat, wäre irrsinnig mit einem befreundet und man könnte ihn jederzeit, wenn man Lust hat, anrufen.“ – S. 31
  5. Ich bewundere Holden Caulfield für seine Haltung gegenüber Falschheit und Verlogenheit. Eigentlich sind die Ansichten von typischen Teenagergefühlen geprägt. Aber an sich ist die Verabscheuung von Verlogenheit doch edel und moralisch wünschenswert. Nur irgendwie wird das schnell vergessen, wenn der Eintritt in die Erwachsenenwelt vollzogen ist. Dann ist man mittendrin im Schauspiel und macht mit, um sich selbst etwas zu beweisen oder weil man meint, man müsse einen bestimmten Status verteidigen. Holdens Kampf gegen die Falschheit hat mich ein Stück an meine eigene Pubertät erinnert und zugleich auch an die eigenen Verhaltensweisen in der Gegenwart. Immer schon lächeln und nicken. Die Frage die sich mir aufzwingt ist, ob Holden Caulfield sich die Abneigung gegen Affektiertheit der Erwachsenen bewahren könnte, wenn er selbst einmal alt genug geworden wäre, um mitzuspielen in der Erwachsenenwelt.
  6. Eine weitere bewundernswerte Sache in „Der Fänger im Roggen“ ist die Unaufgeregtheit Holden Caulfields. Er ist zum dritten Mal von einer Schule geflogen. Egal. Die Zukunft ist in diesem Sinne egal. Es wird schon irgendwie werden, und wenn alles schiefgeht, kann er immer noch abhauen und sein Geld als Tankwart verdienen. Aber diesen Plan verwirft Holden ganz zum Schluss und sieht ein, dass es besser ist, nicht abzuhauen und bei seiner Familie zu bleiben.

Kommentierfrage: Habt ihr „Der Fänger im Roggen“ mal gelesen?

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