Kapri-zioes

Momente der Klarheit mit (und von) Jackie Thomae

Manche Romane klingen im Buchladen so fabelhaft. Genau die richtige Geschichte zu meiner Geschichte oder so. Und was passiert mit der Magie, wenn man das Buch dann liest? Sie verschwindet im Sumpf der seltsamen Zeilen und Unmut macht sich breit. Unmut, der sich schwer unterdrücken lässt, weil man sich irgendwie grundsätzlich betrogen fühlt von einer Autorin. Schließlich hat sie Versprechen gebrochen und nicht eingelöst. Genau diese Gefühle habe ich bei Jackie Thomaes Buch „Momente der Klarheit“.

Jackie Thomae

Geboren 1972. In Halle an der Saale. Lebt jetzt bei den Hipstern in Berlin. Eigentlich ist sie Journalistin, aber jetzt neuerdings auch Schriftstellerin. Warum machen das jetzt neuerdings eigentlich so viele Journalisten? Bücher kann man sich besser ins Regal stellen als Magazinartikel?

Inhalt: unendlich viele Trennungen

Man kann sich von allem trennen, was man irgendwann einmal lieb hatte. Geschwister, Männer, Frauen, Freunde, Arbeitsplätze, Träume. Alles. Und das passiert dann auch in „Momente der Klarheit“. Unterschiedlichste Menschen wachen von einer Sekunde auf die nächste auf und stellen fest, dass sie sich das eigentlich so nicht vorgestellt hatten. Und dann beginnt sich das Rad zu drehen – Beziehungen fallen wie Soldaten in Stalingrad.

„Momente der Klarheit“ – WTF?

Ich fange am besten mit einer Bestandsaufnahme an. Eigentlich hatte ich mir ein Buch versprochen, dass mich unterhält und mir im günstigsten Falle noch irgendeine Einsicht vermittelt. Bezüglich Trennungen oder der Liebe oder dem Leben oder was auch immer. Da bin ich jetzt nicht so streng. Und was habe ich als Leser bekommen? Viele bekloppte Menschen, die sich alle irgendwie untereinander kennen und aber immer mit irgendwas nicht ganz zufrieden sind, was sie dann loshaben wollen. Meistens ist das der eigene Partner. Das Ganze spielt sich dann in einer aberwitzigen Anzahl von losen Erzählsträngen ab. Soweit klingt das gar nicht Mal so langweilig, aber so interessant ist es dann irgendwie auch nicht.

Ihr seid gleichzeitig zum Schluss gekommen. Eine Seltenheit. So rar und harmonisch, dass es fast ein Grund wäre, zusammenzubleiben. – S. 9

Die Geschichte spielt in Berlin, Jackie Thomae lebt in Berlin. Ich frage mich, ob die da wirklich alle so durchdrehen. Es ist, als ob mit Mittevierzig ein Schalter im Kopf der Figuren umgelegt wird und dann wollen sie es alle nochmal wissen. Ist das anstrengend. Manchmal ist dieser Moment der Klarheit der Ausgangspunkt für eine neue, erfüllendere Beziehung. Aber manchmal werden die Figuren dann auch irgendwo mit ihrer Einsamkeit zurückgelassen und enden ziemlich traurig. In der Realität gibt es schließlich auch nicht für jeden ein Happy End. Eigentlich ist das das Beste am ganzen Buch. Grundsätzlich war „Momente der Klarheit“ eine ziemlich unbefriedigende Lektüre. Es gab schöne Stellen. Aber es gab auch jede Menge stumpfer Dialoge über Belanglosigkeiten.

Benders Weggang hat keinerlei äußere Spuren bei ihr hinterlassen, doch er hat sie entkernt. Auf der Fahrt durch die sommerlich aufgedrehte Stadt fragt sie sich, ob sie dieses hohle Gefühl jemals wieder loswird. – S. 201

Jackie Thomae ist für mich ein bisschen das Gegenteil von Peter Stamm. Viele kleine Geschichten werden begonnen, aber nie wird etwas wirklich zu Ende geführt. In der Liebe gibt es immer jemand Neues und die schon vorhandene Beziehung wird sehr zeitig für diese Verheißung geopfert. Eigentlich erträgt man es auch nicht mehr, etwas wirklich auszuhalten über längere Zeit. In der Beziehung ist das Buch von Jackie Thomae wohl ein sehr exaktes Abbild unserer Gesellschaft und Peter Stamm wohl der Anachronismus. Peter Stamm beschreibt in seinen Büchern immer wieder, wie sehr sich doch der Kampf um einen Menschen lohnt. Schlussmachen nach Stufe 1 gibt es da nicht. Klingt romantisch. Ja, vielleicht ist es das, aber zumindest ist es wesentlich erfüllender als das, was sich „Momente der Klarheit“ nennt.

Fazit

„Momente der Klarheit“ ist ein Trennungsroman mit jeder Menge Trennungen, aber ohne wirkliche Erkenntnisse.

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