Kapri-zioes

Bumerang aus Stacheldraht oder Morgen ist es vorbei

Ein großes Ziehen in der Brust, absolute Leere im Kopf, Brennen in den Augen. So fühlt es sich an, wenn der Bumerang aus Stacheldraht wieder einmal zurückgekehrt ist und wie immer voll das Herz getroffen hat. Bumerang aus Stacheldraht? Das ist die Metapher, die Kathrin Wessling für Liebeskummer verwendet in einer ihrer Geschichten aus dem Buch „Morgen ist es vorbei“. Und Liebeskummer gibt es in diesem Buch sehr viel, versprochen.

Im Buch lassen sich viele kleine Episoden des Weltuntergangs finden. Frauen und Männer werden verlassen oder verlieben sich ohne Erwiderung ihrer Liebe. Es ist eine Tragödie, die schon tausendmal erzählt und beschrieben wurde und doch immer noch fasziniert. Eigentlich könnte man sich fragen, was hat Kathrin Wessling dieser urtypischen Handlung noch hinzuzufügen oder abzuringen? Es ist doch schon alles Wichtige gesagt wurden; Überraschungen gibt es schon längst nicht mehr.

Eigentlich war ihnen alles egal, eigentlich kauten sie nur unablässig auf ihren Haarsträhnen und alten Gedanken, die sie als neue, als ihre ausgaben. Und ich war eine von ihnen. –S. 114

Jeder Kummer ist anders

Deutlich wird in „Morgen ist es vorbei“, dass jeder Liebeskummer einzigartig ist. Es wird nicht langweilig. Der unglücklich Verliebte glaubt auch noch nach der zehnten zwischenmenschlichen Katastrophe, dass die Welt sich gewiss nicht weiterdrehen wird. Nein, sie kann sich nicht weiterdrehen und das Elend wird niemals mehr vorübergehen. Dieser Schmerz ist einzigartig in seiner Tiefe, das wird jeder bestätigen, der ihn schon einmal gefühlt hat. Die Rahmenhandlung ändert sich jedoch.

Es ist toll, wie Kathrin Wessling genau diese Tatsache verdeutlicht. Seit den Leiden des jungen Werthers hat sich eben alles und zugleich nichts verändert. Wessling hätte ihren Stoff auch in einer zusammenhängenden Geschichte erzählen können, sie zog es aber vor, sich immer wieder neue Umstände des Unglücks auszudenken und damit auch immer neue Facetten in das alte Thema hineinzubringen. Das ist beim Lesen sehr abwechslungsreich und ich habe das Buch während einer Zugfahrt durchgelesen, so faszinierend war es für mich.

Nein, wäre es nicht. Und du weißt das auch. Du weißt, dass am Ende immer alles schiefgeht. Dass man am Ende immer verliert und dass dann nur hässliche Fratzen und wütendes Gerede übereinander bleibt. Dich wollte ich behalten. – S. 150

Im Zug musste ich mir Mühe geben, die Füße stillzuhalten zwischen den engen Sitzen, die Verzweiflung war manchmal groß. Der Bumerang aus Stacheldraht traf auch schon mich und beim Lesen traf er mich wieder. Ich habe mit Leo, Anna, Julia und Max gelitten.

Wer soll das nur lesen?

Nach dem Lesen habe ich mich gefragt, wer sich von diesem Buch in der Buchhandlung angesprochen fühlen könnte. Wahrscheinlich bin ich mit Mitte 20 und als Frau genau der Kern der Zielgruppe. Zumindest suggeriert mir der Verlag das mit seiner Covergestaltung. Weiß und rosa. Wo bleibt die feministische Krawalltruppe, wenn man sie mal braucht? Lieber Luchterhandverlag, musste das sein? Muss ein Buch immer in eine gewisse Schublade gedrängt werden?

Weil Menschen wie ich sagten: „Ich verlasse mich auf niemanden.“ Und am Ende waren wir nur eines: verlassen. – S. 181

„Morgen ist es vorbei“ ist ein unaufgeregtes Buch, obwohl es vom größten Drama des Menschen erzählt. Dieser universelle Wunsch, eine Person zu haben. Nicht im Sinne von Besitzen, sondern von Existieren. Und das beschränkt sich nicht nur auf Frauen. Männer können das Buch von Kathrin Wessling genauso lesen, denn sie kommt in ihren Beschreibungen ohne Kitsch und Pathos aus. Ihr Schreibstil ist klar, jung und irgendwie nüchtern. Keinesfalls überdreht. In diesem Zusammenhang ist „Morgen ist es vorbei“ wohl die Hymne für alle jungen Großstadtmenschen.

Fazit

„Morgen ist es vorbei“ ist nicht nur für Menschen mit einem Bumerang aus Stacheldraht im Herzen geeignet.

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Weitere Rezensionen auf anderen Blogs:
Literaturen
Bücherphilosophin

Kommentierfrage: Kennt ihr noch das Gefühl des Bumerangs aus Stacheldraht?