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Marcel Reich-Ranicki: Papst der Lumpenhunde

Marcel Reich-Ranicki

„Aber ich möchte auch ganz offen sagen: Ich nehme diesen Preis nicht an. Ich hätte das, werden Sie denken und sagen, früher erklären sollen. Natürlich! Aber ich habe nicht gewusst, was hier auf mich wartet, was ich hier erleben werde. Ich gehöre nicht in diese Reihe, der heute, vielleicht sehr zurecht Preisgekrönten. Wäre der Preis mit Geld verbunden, hätte ich das Geld zurückgegeben. Aber er ist ja nicht mit Geld verbunden. Ich kann nur diesen Gegenstand, der hier verschiedenen Leuten überreicht wurde, von mir werfen oder jemanden vor die Füße werfen. Ich kann das nicht annehmen. Und ich finde es auch schlimm, dass ich hier vier Stunden das erleben musste.“ Das ist meine prägnanteste Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki. Diese Worte sprach er im Herbst 2008 zum Publikum, als er den deutschen Fernsehpreis verliehen bekommen sollte.

Eigentlich war es doch keine große Überraschung, dass er diese Auszeichnung ablehnte. Im „Literarischen Quartett“ mimte er ständig den alten Mann, der über neuste Romane polterte und sie verbal über den Jordan jagte. Diese schimpfende, garstige Seite von Marcel Reich-Ranicki ist in bester Erinnerung, aber eigentlich war er ganz anders als Literaturkritiker. Und genau diese Seite zeigt das Buch „Meine deutsche Literatur seit 1945“. Thomas Anz hat hierfür eine ausgezeichnete Auswahl an Rezensionen und Essays aus Reich-Ranickis Kuli gesammelt.

Der gerechte Lumpenhund

Während einer Tagung der „Gruppe 47“ in den sechziger Jahren beleidigte Martin Walser Marcel Reich-Ranicki und alle anderen Literaturkritiker als Lumpenhunde. Aber eigentlich ist das keine Beleidigung für einen Kritiker und so führte Reich-Ranicki aus: Goethe war schon der Meinung, dass Literaturkritiker Hunde seien, die schleunigst totgeschlagen werden sollten. Tolstoi hielt Personen, die Kritiken verfassen, für nicht normal. Und das genialste Beispiel liefert Charles Dickens, als er Kritiker verglich mit einer mit Pygmäenpfeilen bewaffneten Laus in der Gestalt eines Menschen und dem Herz eines Teufels. Dieses Bild muss man sich an dieser Stelle bitte auf der Zunge zergehen lassen. Ganz langsam. Pygmäenpfeile sind übrigens hochgiftig.

Die Bezeichnung Lumpenhund ist für einen Literaturkritiker eine Auszeichnung, jeder der ernsthaft Kritik übt, wird dies bestätigen können. Es ist nunmal nicht immer möglich, Texte zu loben und auf einem goldenen Tablett bis in den Himmel zu heben. Häufig ist es viel mehr angebracht, Schnapsideen zu verurteilen und den Autoren seine Unfähigkeit vorzuwerfen. Dies ist vielmehr der wahre Dienst eines guten Kritikers: Es ist schwerer und benötigt mehr Rückgrat, einen Verriss zu schreiben. Und sind wir alle einmal ehrlich zu uns selbst, aus den begangenen Missgeschicken konnte man bisher immer noch mehr herausholen für den nächsten Versuch als aus einem knappen Lob.

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Marcel Reich-Ranicki – Michael Jackson der Literatur

Beim Lesen von „Meine deutsche Literatur seit 1945“ habe ich mich häufig gefragt, was bleibt denn jetzt eigentlich vom Literaturpapst? Die Erinnerung an einen leidenschaftlichen Leser und darüber hinaus auch dessen Wirken für die deutsche Gegenwartsliteratur zur damaligen Zeit. Auf jeder Seite spürt man die Liebe Marcel Reich-Ranickis zum geschriebenen Wort. Seine Rezensionen waren sehr ausdifferenziert, er war ein aufmerksamer Leser und Schreiber. Bis ins kleinste Detail nahm er die Werke von Autoren auseinander und fügte sie wiederzusammen. Vor der Rezension eines Buchs las Reich-Ranicki das Gesamtwerk des Autors. In die Beurteilung floss also nicht nur der Status quo ein, sondern auch die Entwicklung des Schrifterstellers und die aktuelle gesellschaftliche Gegenwart ein. Marcel Reich-Ranicki machte sich ziemlich viel Arbeit mit der Gegenwartsliteratur, des macht niemand, der nicht dafür brennt.

Er gehört zu den Leidenden, den Besessenen und Verzweifelnden, zu jenen, die von fixen Ideen beherrscht und von Obsessionen geplagt werden, zu den Schriftstellern, die ihre Ziele mit monomanischer Unbedingtheit verfolgen. – S. 274

Es ist für mich nicht verwunderlich, dass die Literaturszene in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts so geprägt war vom Literaturpapst. Er begleitete Autoren auf ihrem Weg, hofierte und protegierte, legte oft ein gutes Wort für Debütanten ein. Spätestens seit dem „Literatrischen Quartett“ war er sogar mehr als ein Literaturpapst. Die niveauvollere Gegenwartsliteratur wurde einem breiten Publikum bekannt gemacht und durch die etwas schrullige Art Reich-Ranickis auch gut verkauft.

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„Meine deutsche Literatur seit 1945“ ist mehr als ein Querschnitt durch das Leben eines Kritikers, es vermittelt einen sehr guten Eindruck der Zeitgeschichte und der Literatur von 1945 bis 2008. Besonders spannend waren für mich die Texte „Die deutschen Schriftsteller und die deutsche Wirklichkeit“ und „Kritik auf den Tagungen der Gruppe 47“. In diesen Essays beschäftigte sich Marcel Reich-Ranicki mit der Literatur und der Literaturkritik im Allgemeinen. Und da bleibt für mich nur zu fragen, was kann ich als Literaturblogger vom Papst der Lumpenhunde lernen?

Fazit

Thomas Anz ist mit „Meine deutsche Literatur seit 1945“ eine großartige Sammlung der Texte von Marcel Reich-Ranicki gelungen.

Vielen Dank an DVA für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Kommentierfrage: Was haltet ihr von Marcel Reich-Ranicki?

2 Kommentare

  1. Ehrlich gesagt war mir Marcel Reich Ranicki nie wirklich ein Begriff. Dafür habe ich mir zu lange Zeit zu wenig für Literatur interessiert und da ich auch dem Fernsehen abgeneigt bin, habe ich auch nie das literarische Quartett gesehen. Natürlich hat man den Namen aber gehört, wirklich etwas über das Schaffen des Herren, weiß ich jedoch nicht.
    Das Buch kommt auf jeden Fall auf meine Leseliste und jetzt bin ich auch total neugierig geworden, wie dieser Mann die Literatur beeinflusst hat und es geschafft hat, eine solche Position einzunehmen.
    Besonders schön finde ich an diesem Buch, was du vorstellst, dass es um die Literatur und Literaturkritik geht. Da können wir Blogger sicher eine Menge lernen. Überhaupt liebe ich es, wenn Menschen ÜBER Literatur schreiben.
    Liebe Grüße Anja

  2. Liebe Anja,

    da haben wir eine Gemeinsamkeit! Ich lese auch sehr gern, wenn Menschen über Literatur schreiben, was sie daran bewegt hat und wie das mit ihrem Leben zu tun hat. Es ist doch immer wieder seltsam, wie das richtige Buch zur richtigen Zeit im Leben zu einem findet.

    Viele Grüße,
    Janine

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