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Nirvana von Adam Johnson oder des Menschen Elend begreifen

Nirvana Adam Johnson

Ich möchte erzählen von Kurzgeschichten, der verhinderten Literaturform. Von Kurzgeschichten, die heute keiner mehr lesen möchte und die sich unglaublich schlecht verkaufen in den Buchhandlungen. Und von meinem Unvermögen diese Tatsache zu verstehen, denn in mir verecholotet sich der Nachhall 6 ganz wunderbarer Kurzgeschichten. Sie wurden verfasst von Adam Johnson und sind nun unter dem Namen „Nirvana“ im Suhrkamp Verlag veröffentlicht wurden.

Nirvana

„Nirvana“ so heißt die erste Geschichte im Buch und gleichzeitig ist das wohl auch die stärkste Geschichte. Zufälligerweise oder eben eher nicht zufällig spielt darin die Band „Nirvana“ um Kurt Cobain eine Rolle. Die Stimme Kurt Cobains ist das letzte, was Charlotte noch Kraft spendet. Sie leidet am Guillain-Barré-Syndrom, bei dieser Krankheit werden die Nervenbahnen befallen. Lähmungen, Taubheit und unglaubliche Schmerzen quälen den Erkrankten. Die Kurzgeschichte ist nicht aus Chalottes Sicht, sondern aus der Sicht ihres Mannes geschrieben und zeigt die Hilflosigkeit eines Angehörigen.

Charlottes Mann möchte Charlotte nur helfen, aber er kann nicht, er kommt nicht an Charlotte heran, egal wie viel Mühe er sich gibt. Darüber zu lesen war für mich sehr eindringlich. Was kann man tun, wenn selbst die größte Anstrengung keinen Trost spendet? Es ist zum Verzweifeln. Gleichzeitig spielt die Geschichte in der Zukunft und auch da gibt es noch keine Heilungsmethode für das Guillain-Barré-Syndrom, aber es gibt Drohnen. Drohnen, die vom kürzlich verstorbenen Präsidenten legalisiert wurden. Charlottes Mann ist ein einfallsreicher Programmierer, er hat ein Hologram erschaffen vom toten Präsidenten, dass es sogar ermöglicht mit diesem Präsidenten zu reden. Dieser Parallelstrang ist genial. Genial recherchiert und genial umgesetzt. Man möchte Adam Johnson zum Geistesblitz gratulieren.

Wenn erst einmal etwas Schlimmes passiert ist, dann passiert es in jeder Minute des Lebens und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, …. – S. 215

Mehr Kurzgeschichten

Neben „Nirvana“ mochte ich noch sehr die Kurzgeschichte „Mein Freund George Orwell und ich. Eine Geschichte“. George Orwells Bücher waren in der DDR verboten und wer sie las, kam ins Gefängnis. Hans war Direktor des Stasi Gefängnisses Berlin-Hohenschönhausen, auch heute noch wohnt er in der Nähe und geht täglich an der Gedenkstätte vorbei zum Spazieren. Das Gefängnis ist heute eine Art Museum: Die Führungen werden von ehemaligen Häftlingen veranstaltet und dadurch ist jede Führung etwas anders, weil jeder Ex-Insasse eine andere Geschichte zu erzählen hat. Auch ich war in einer dieser Schülergruppen, die durch das Gefängnis gepeitscht wurden. Für mich war dieser Ausflug damals sehr krass und einschüchternd. Ich kann gut verstehen, dass Adam Johnson sich diese Kulisse ausgesucht hat.

Nirvana Adam Johnson 1

Wenn man sich vorstellt, was sich die Stasi früher für eine Mühe gemacht hat, uns zu bespitzeln. Niemals hätten sie sich träumen lassen, dass die Bürger irgendwann freiwillig Ortungsgeräte mit sich herumtragen, sich selbst filmen und morgens, mittags und abends alles über sich preisgeben. – S. 142

Der Direktor Hans entscheidet sich an einem Morgen an einer der Führungen teilzunehmen, nachdem er schon jahrelang immer wieder mit dem Ort allein durch die bloße Nähe zu seiner Wohnung konfrontiert wird. Die Museumsführerin erkennt Hans als den ehemaligen Direktor, sie hatte mit ihm während ihrer Haft zu tun. Es entsteht eine schräge Dynamik aus Erkennen und Verdrängen. Denn eigentlich war Hans als Direktor nicht für die Verhöre zuständig, er kümmerte sich um die Klopapierbestellungen des Gefängnisses. Und die Häftlinge saßen doch nicht grundlos ein, sie waren alle schuldig. Die DDR würde als Rechtsstaat doch niemals Unschuldige verhaften. Kein Leser kann sich diesem Zwiespalt entziehen.

Etwas übertrieben hat Adam Johnson es hingegen mit der Metafiktion. In der Kurzgeschichte „Interessant!“ erfand die krebskranke Frau eines Schriftstellers eine pädophile Figur. Dieser Pädophile wurde dann auch vom Schriftsteller einer Kurzgeschichte „Dark Meadow“ verwendet. Und die Geschichte „Dark Meadow“ ist auch im Buch abgedruckt. Das ist dann nicht wirklich genial, sondern anstrengend.

Nirvana Adam Johnson 2

Des Menschen Elend

Alle Kurzgeschichten sind eindringlich. Adam Johnson erschafft mit jeder Geschichte eine eigene Atmosphäre, ein eigener Mikrokosmos aus Elend entsteht. Gemeinsam ist allen Geschichten, dass sie immer aus der Sicht eines Protagonisten geschrieben sind, die Perspektiven verändern sich nicht. Jeder dieser Protagonisten leidet, entweder durch erlebtes Leid oder verübtes Leid. Täter und Opfer vermischen sich. Man muss sich die Verlorenheit der Figuren nicht vorstellen, wie eine Welle, die plötzlich über sie hineinbrach, sondern wie eine sehr langsame Blutvergiftung, die langsam auf das Herz zu kriecht und höchstwahrscheinlich tödlich enden wird.

Fazit

In „Nirvana“ von Adam Johnson sind großartige Kurzgeschichten zu finden.
4Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Kommentierfrage: Kennt ihr noch andere tolle Kurzgeschichtenautoren?

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