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Die Philosophie des Laufens

Die Philosophie des Laufens Buch

Laufen. Das mache ich nur heimlich und eigentlich erzähle ich auch nicht vielen Menschen davon. Für mich ist das Laufen eine einsame Sportart, Gesellschaft würde ich dabei nicht ertragen. Ein Laufpartner würde mich vom Wesentlichen ablenken, ich möchte das nicht. Jeder Läufer hat sich schon Gedanken über sein Laufen gemacht – in „Die Philosophie des Laufens“ sind sie fast alle versammelt. Herausgegeben wird das Buch von M. W. Austin und P. Reichenbach im Mairisch Verlag.

Worüber kann man bitte beim Laufen philosophieren? Wozu eine Philosophie des Laufens?

Über alles mögliche! Das Laufen selbst bietet unendlich viele Ansätze. Im Sammelband beschäftigen sich sowohl Philosophieprofessoren und Universitätsmitarbeiter als auch deutsche Journalisten und Blogger mit diesem Sport. Geschrieben wird beispielsweise über die Bedeutung des Laufens und die Motive. Hast du dir schon einmal Gedanken gemacht, was es heißt, einen Marathon zu laufen? Es sind schon Menschen gestorben, weil es ihnen zu anstregend war. Das Thema ist also hochdramatisch. Dann wäre nicht nur die potenzielle Lebensgefahr, sondern auch noch das Training, welches einem Marathon für gewöhnlich schon Monate im Voraus beginnt. Ständig schwitzen und abmühen. Frühmorgens aufstehen, wenn andere noch eine Stunde im Bett liegen bleiben, nur um den Trainingsplan einhalten zu können. Diese Marathonläufer müssen wirklich einen Schaden haben.

In „Die Philosophie des Laufens“ wird sehr häufig der Schaden eines Läufers angesprochen, seine Verrücktheit an so einem vermeintlich sinnlosen Sport Freude zu finden. In der Zwischenzeit könnte der Läufer auch andere Sachen machen, spannendere Sportarten wie beispielsweise Fußball oder Handball betreiben oder auch faul ein Buch auf dem Sofa lesen. Ja klar, das könnte er, er möchte es nur nicht.

Allenthalben regiert die Unsicherheit darüber, wie dieser Körper denn zu pflegen sei, damit aus dem Kopf so etwas wie Leistung herauskommt: Rauchen wie Helmut Schmidt? Spazieren gehen wie Karl Marx? Boxen wie Dr. Christine Theiss? Oder ist das doch alles egal, wie bei Stephen Hawking? – S. 127

Die Unabhängigkeit des Läufers

Für mich ist Laufen unabhängig, es zählt nur das Wetter – wenn es tropische 30°C sind oder in Strömen regnet, dann gehe ich nicht laufen. Aber das war es dann auch an Beschränkungen. Ich muss auf niemanden warten, ich brauche nicht erst zu irgendeiner Turnhalle zu fahren mit dem Auto. Ich ziehe den Sport-BH an, schlüpfe ins T-shirt, springe in die Laufshorts, fahre in Socken und Schuhe, lege den MP3-Player an und dann geht die Haustür auf. Ich laufe los. Zum Laufen braucht man nur Schuhe und etwas zum Anziehen, es ist ein billiger Sport. Also er kann billig sein, viel Geld für irgendwelchen Kram kann immer bezahlt werden von dem, der es braucht.

Die Philosophie des Laufens2

Natürlich kann der geneigte Läufer sich auch mit technischen Schnickschnack und Plunder verkabeln und permanent selbst überwachen. Apps, smarte Uhren, die neben der Herzfrequenz noch den Sauerstoffgehalt im Blut messen. Und wenn es klappt, analyisieren diese Dinger noch den Nitritgehalt im Urin und teilen dem Benutzer in Echtzeit mit, ob er sich vom vielen Rennen in der Kälte schon eine Blasenentzündung zugezogen hat. Persönlich stehe ich diesem Trackingzirkus sehr skeptisch gegenüber, auch die Schreiber in „Die Philosophie des Laufens“ haben ihre eigene Meinung. Für mich nimmt es die Einfachheit am Sport und der NSA werden auch noch die letzten Daten zugespielt, die ich nicht schon auf diesem Blog preisgegeben habe. Muss nicht sein.

Freiheit und Schwerelosigkeit des Geistes

Jetzt habe ich noch immer nicht die Frage beantwortet, was das Laufen dem Läufer eigentlich bringt. Es gibt darüber viele Theorien: Laufen steigert die körperliche Fitness, der Läufer möchte Pokale und Medaillen gewinnen oder sich mit anderen messen. Es gibt Menschen, denen macht laufen tatsächlich Spaß ohne irgendwas dazu; das sind wohl die Wahnsinnigsten. Und nicht zu vergessen sind die Charaktereigenschaften, die dieser Sport fördert: Disziplin, Ausdauer und Durchhaltewillen. Vorzügliche Sachen in unserer modernen Arbeitsgesellschaft. Worum es jedoch hauptsächlich in „Die Philosophie des Laufens“ geht, ist das, was die Bewegung mit unserem Geist macht. Zunächsteinmal wird der Kopf leer: Der Ärger von der Arbeit oder der Beziehung ist nicht mehr ganz so schlimm. Es wird Raum geschaffen für neue Gedanken, zum Philosophieren. Darüber sind sich nicht nur die Philosophen im Sammelband einig, sondern auch die Journalisten.

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Wenn das Hirn ordentlich durchgelüftet wurde, hat es Platz für frische Ideen oder eine neue Sicht auf die Dinge. Im besten Fall driftet man in diese andere Welt ab und vergisst, dass man gerade läuft. – S. 39

Beim Lesen waren für mich gerade die journalistischen Texte spannend, sie waren näher an mir dran und irgendwie auch anschaulicher. Manch einer der Philosophieprofessoren stieg manchmal schon in Höhen auf, über die sich der Jogger von der Ecke keine Gedanken macht. Auch das war interessant, aber schwerer lesbar. Mir hat das Lesen Spaß gemacht: Loben möchte ich den Mairischverlag für die Gestaltung des Buchs, das hab ich selten so clean und schick gesehen.

Fazit

Ein super Weihnachtsgeschenk für Hobby- und Profiläufer und für alle, die irgendwie dazwischen hängen geblieben sind.
4Vielen Dank an den Mairisch Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Kommentierfrage: Geht ihr gern laufen oder macht einen anderen Sport?

2 Kommentare

  1. Ich laufe seit über 60 Jahren, bin jetzt 83 und würde bestätigen, dass der mittlere Leistungsbereich der günstigere ist, weil er Zeit für andere schöne Dinge des Lebens übrig lässt. Ich war zwei mal Weltmeisterschaftsteilnehmer und zwei mal Deutscher Vizemeister und vielleicht über 100 mal Sieger in Volksläufen und das reicht um Spaß zu haben. Aber was viel wichtiger ist, ich habe als 16 jähriger angefangen zu Laufen, dass der Leistungsgedanke das Leistungsstreben sich auf den Beruf übertragen hat. Genau wie im Sport habe ich da von kleinen Anfängen an die Erfolgsleiter bestiegen und war am Schluss ganz oben und jetzt bei Volksläufen bin ich immer noch ganz vorne in der entsprechenden Altersklasse.
    Da ich alles richtig gemacht habe, das glaube ich zumindest, bin ich bis heute gesund geblieben.

  2. Lieber Heinz-Georg,

    danke für deinen Kommentar! Ich finde deine Sportler-Biografie sehr interessant und sie motiviert mich auch selbst bald mal wieder laufen zu gehen. 😉 Natürlich bin ich nur Hobby-Läuferin – mit deinen Leistungen ist das überhaupt nicht zu vergleichen. Spaß muss es machen, da stimme ich dir vollkommen zu!

    Viele Grüße,
    Janine

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