Artikel
2 Kommentare

Die Optimierungsfalle von Julian Nida-Rümelin

Die Optimierungsfalle

Können wir unsere Ökonomie human gestalten? Wir müssen sogar, denn alles andere führt zur Irrationalität. Das ist die Kernaussage des Buchs „Die Optimierungsfalle“ von Julian Nida-Rümelin. Gerade nach der Finanzkrise scheint das Thema aus aktuellen Debatten nicht mehr zu verschwinden. Ist unser Wirtschaftssystem wirklich gut? Die Antwort ist fast schon trivial – nein. Denn sonst wäre es wohl nicht zu den schweren Folgen gekommen.

Während die Zocker sich so langsam wieder in ihre Startlöcher begeben oder es schon getan haben, wird von Wissenschaftlern über das Instrumentarium nachgedacht. Sollte eine globale Finanztransaktionssteuer erhoben werden? Sollte die Fiskalpolitik in der EU genauso einheitlich und unabhängig gestaltet werden, wie es für die Geldpolitik schon der Fall ist? Sollten die Sanktionen für Untreue und Betrug beziehungsweise für Insidergeschäfte erhöht werden? Das alles ist nur verarzten der Symptome. Julian Nida-Rümelin möchte tiefer zur Ursache vordringen. Nach ihm liegt die Marodität in den grundlegenden Annahmen, auf denen die Ökonomie fußt.

Die Wurzeln der Volkswirtschaftslehre

Es wird gerne ignoriert und vergessen, dass die Volkswirtschaftslehre, die sich maßgeblich Gedanken um die Ausgestaltung der Ökonomie macht, ihre Wurzeln in der Philosophie hat. Präziser lässt sich der Ursprung der Volkswirtschaftslehre auf die Moralphilosophie während der Aufklärung im 18. Jahrhundert zurückführen. Aus dieser Zeit stammt auch das grundlegende Menschenbild, auf welchem sich viele Modelle berufen, der Homo oeconomicus. Zugleich grenzt sich die VWL so von den anderen Sozialwissenschaften ab, denn für sie ist das Verhalten von Menschen das Ergebnis rationaler Entscheidungsprozesse. Mit anderen Worten maximiert der Mensch rational seinen persönlichen Nutzen. Tut er das?

Sollte es die Volkswirtschaftslehre nicht stutzig machen, dass sie als einzige Sozialwissenschaft dieses Menschenbild benutzt und darauf im Prinzip alles aufbaut? Julian Nida-Rümelin möchte den Homo oeconomicus endlich zu Grabe tragen. Damit steht er nicht allein da und die Idee, dass es einen Homo oeconomicus nicht gibt, ist auch weder sehr neu noch sehr einfallsreich.

Julian Nida-Rümelin1

Eine humane Ökonomie

Julian Nida-Rümelin antwortet auf den liberalen Markt mit den nutzenmaximierenden Heinzelmännchen mit dem Konzept der „strukturellen Rationalität“. Es gibt für den Menschen auch noch andere Verhaltensgründe als stur den kurzfristigen Bedürfnissen nachzugehen. Manchmal bezieht der Mensch auch langfristige Folgen seiner Handlung ein, das soll es ja tatsächlich geben.  Gerechtigkeit, Integrität und Respekt existieren. Nach Julian Nida-Rümelin wird der Mensch, der optimal handelt, strukturell irrational, wenn er immer nur punktuell optimiert. Und mit dieser Aussage leistet der Autor einen wichtigen Beitrag zum Denken in unserer Gesellschaft. Eigentlich könnte diese Erkenntnis vieles umstürzen, aber bislang bleibt das irgendwie aus. Die Symptome sind eben wichtiger als Ethikgeschwätz.

In der Tat bedient sich Nida-Rümelin sehr viel der Ethik für seine Darstellungen, allen voran die antiken Griechen haben es ihm angetan. Manchmal verirrt sich auch Kant in seine Aussagen. Das Buch richtet sich an Laien, so jedenfalls steht es auf den ersten Seiten geschrieben. Das wird notwendigerweise daneben gehen. Für Laien ist das Niveau sehr hoch, zu hoch. Der Autor hätte sich schon mehr Mühe geben müssen, seine Aussagen bildhafter und insbesondere knapper darzustellen. Spätestens ab der Hälfte des Buchs, wenn die steinalten Philosophen aus ihrer Kiste hervorgekramt werden, wird ein Laie wegen der abstrakten Ideen das Buch genervt zu schlagen. Thema verfehlt – oder so!

In seiner Argumentation bleibt Julian Nida-Rümelin sehr sachlich und ruhig, wird niemals polemisch oder regt sich auf über die Unvernunft des Menschen. Er hätte Grund dazu. Für mich richtig interessant war es, als er im dritten Teil des Buchs auch wieder den Bezug zu aktuellen Wirtschaftszahlen und Entwicklungen gesucht hat. Die Ausführungen über die unterschiedlichen Sparquoten in verschiedenen Ländern sind für mich Gold wert. Immer wieder fallen normative Wörter wie Respekt, Integrität, Empathie, aber dabei bleibt es auch. Ich vermisse Lösungsansätze, wie Nida-Rümelins wichtige Erkenntnisse in die Realität umgesetzt werden können.

Fazit

„Die Optimierungsfalle“ ist ein wichtiges Buch mit tollen Erkenntnissen für die Volkswirtschaft. Nur leider werden die vom Autor eigentlich adressierten Laien nicht so viel Freude damit haben, es ist in manchen Teilen sehr abstrakt.
4

Vielen Dank an den btb Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Kommentierfrage: Was müsste man an unserer Ökonomie verändern? Worauf müsste mehr Wert gelegt werden?

2 Kommentare

  1. Bei aller Hochschätzung von Nida-Rümelin bezweifle ich, dass er fundiert zur Ökonomiedebatte beitragen kann. Diese Debatte ist spätestens seit Marx derart ideologisch überschattet, dass kaum noch ein nüchterner Blick auf ökonomische Bedingungen möglich ist. Der Kapitalismus gilt vielen fälschlicherweise als wirtschaftliches System, dem sich die Mensch fügen müssten und für das man doch endlich mal ein alternatives, gerechteres und humaneres System etablierten sollte. Doch er ist kein System, sondern ein Werkzeug, über das wir bestimmen, wie wir es einsetzen.

    Darauf verzichten werden wir ebenso wenig können wie auf das Rad. Es gibt unendliche viele verschiedene Möglichkeiten, wie wir unseren materiellen und ideellen Wohlstand verteilen können, doch das Werkzeug dazu, wird immer der Kapitalismus sein, wobei schon das, was wir als Kapital bezeichnen, jeweils zu definieren ist. Kapital ist letztlich überwiegend das, was wir monetarisieren können. Das ist also nicht nur unser materielles Vermögen, sondern auch unsere Arbeitsfähigkeit, die sich wiederum aus Talent, Konstitution, Gesundheit etc. addiert. Aber auch Schönheit und Jugend ist Kapital oder auch Wissen und Erfahrung. Diese sind zwar monetär immer schwankende und teils auch schwer zu bestimmende Werte, doch niemand kann bestreiten – auch wenn es ethisch unangenehm ist – , dass ein junger, gesunder, gut aussehender und gebildeter Mensch auch monetär einen höheren Wert besitzt als ein alter, mit schwächelnder Konstitution und obsoletem Wissen. Dass dem so ist, können wir jedoch nicht moralisch dem Kapitalismus anlasten, so wie wir ja auch nicht die Wahrscheinlichkeitsrechnung dafür verantwortlich machen, dass wir nie im Lotto gewinnen. Das Lottospielen ist für mich eine sehr geeignetes Phänomen, um unser irrationales (und eben nicht Homo oeconomicus), urkapitalistisches Verhalten zu erläutern: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/02/26/lottospieler-sind-die-wahren-kapitalisten-und-zahlen-dafur-armensteuer/

    Für mich hat zu diesem Thema bislang Wolf Lotter mit seinem Buch „Zivilkapitalismus“ sehr lesbar und aufklärend geschrieben. (Meine Rezension dazu auf amazon: https://www.amazon.de/gp/cdp/member-reviews/A24BDVIDINYBQ1/ref=pdp_new_read_full_review_link?ie=UTF8&page=7&sort_by=MostRecentReview#R2AHDH0L7ETXJL).

  2. Hallo Thomas,

    Herr Nida-Rümelin möchte keinesfalls den Kapitalismus abschaffen. Es gelingt in keiner anderen Gesellschaftsform wirkungsvoller Anreizmechanismen für den Einzelnen zu setzen. Warum sollte man auch früh aufstehen, wenn ohnehin dafür gesorgt wird, dass Brot und Butter auf dem Tisch stehen? Nida-Rümelin weist lediglich daraufhin, dass man das Fundament des Kapitalismus überdenken sollte. Der Homo oeconomicus ist eine Lüge und führt zu falschen Ergebnissen, wenn immer nur die kurzfristige Entscheidung bedacht wird.
    Der Mensch hat sehrwohl Gründe, wenn er kurzfristig irrational handelt. Langfristige Strategien, Altruismus, bestimmte persönliche Werte. Das ist keinesfalls der Untergang des Kapitalismus, man sollte ihn nur auch aus einer anderen Perspektive betrachten und so vermutlich verbessern.

Kommentar verfassen