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Ein Leben mehr

Ein Leben mehr Jocelyne Saucier

Wie alt muss man werden, um wirklich frei zu sein? Eigentlich ist das schon der falsche Denkansatz. Es ist Blödsinn. Nicht durch das Alter wird man freier. Allerdings nimmt man sich mit dem Alter wohl mehr Freiheiten raus. Irgendwann kommt endlich die Erkenntnis, dass es scheißegal ist, was die Mitmenschen über einen denken. Und wenn man mit über 80 Jahren mitten in der kanadischen Pampa eben eine Grasplantage baut, dann fetzt das. Über solche oder ähnliche Dinge erzählt der Roman „Ein Leben mehr“ von Jocelyn Saucier.

Ein Leben mehr

Wir schreiben das Zeitalter der Gegenwart und befinden uns in den tiefen Weiten kanadischer Wälder. 3 alte Männer sind aufgebrochen, um die letzten Geheimnisse ihrer Persönlichkeit zu erforschen. Nein. Das ist eigentlich falsch. Sie haben nur die Schnauze voll von ihren Familien und der Gesellschaft und wollen in Ruhe ein paar schöne Jahre im Wald verbringen, bevor sie dann endlich den Löffel abgeben. Aber richtige Ruhe gibt es auch in der Einsiedelei nicht zu finden. Trotz vieler verzweigter Irrwege findet eine neugierige Fotografin den Weg zu den drei Alten, weil sie an einem Projekt arbeitet. Außerdem taucht dann noch eine Zweiundachtzigjährige aus der Irrenanstalt auf und bringt alle ziemlich auf Trapp.

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Wie gut ist dieses Buch jetzt?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man hier von Buch sprechen kann. Dieser schmale Band umfasst nicht ganz 200 Seiten, ist also etwas für die Menschen, die sich sonst von den dicken Schinken und Nackenbeissern abschrecken lassen. Ruck zuck kann behauptet werden, man hätte ein Buch gelesen. Ich mochte „Ein Leben mehr“ sehr. Es sticht hervor aus der Schwemme von Neuerscheinungen, die in einer Vielzahl von Verlagsvorschauen und –katalogen abgedruckt werden. Und vorallem handelt es nicht von irgendwelchen geheimnisvollen Gegenständen, die auf noch geheimnisvolleren Dachböden herumlauern. Mit diesem Plot arbeiten jedenfalls ziemlich viele neue Bücher in diesem Herbst.

Eine Geschichte, in der es um Menschen geht, die spurlos verschwinden, um einen Todespakt, der dem Leben sein Salz gibt, um den unwiderstehlichen Ruf der Wildnis und um die Liebe, die dem Leben seinen Sinn gibt. – S. 7

Woher „Ein Leben mehr“ seine Spannung bezieht, kann ich auch noch nicht genau sagen. Also das Buch ist keinesfalls langweilig, nicht dass meine Aussage gleich wieder falsch verstanden wird! Aber so einen richtigen Spannungsbogen gibt es nicht, es existiert keine akute Gefahr, abgesehen davon, dass alle so wahnsinnig alt sind und jeden Moment an Altersschwäche sterben könnten. Der Tod wartet in der Ecke, das steht mehrmals sogar im Buch so.

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Das Geilste sind sowieso die skurilen Figuren. So viel Schrulligkeit auf einem Trampel ist kaum zum Aushalten. Alle Charaktere sind großartig und haben richtig etwas erlebt in ihrem Leben. Ab und zu poppt dann auch ein bisschen Drama aus der Vergangenheit auf. Da gab es beispielsweise den Großen Brand, zeitlich noch vor dem 2.Weltkrieg. Viele Menschen sind dabei ums Leben gekommen, Familien wurden auseinandergerissen. Waldbrände sind in Kanada nicht unüblich während des Sommers, auch heute noch. Ein Unglück, wie dieses, prägt die Menschen und hat auch Spuren an den Charakteren im Buch hinterlassen.

Und der Tod? Der hockt immer noch in seinem Versteck. Um den Tod muss man sich keine Sorgen machen, er lauert in allen Geschichten. – S. 192

An irgendeinem Punkt im Leben hatten die drei alten Männer so die Nase voll von sich, ihren Familien und der Umgebung, dass sie sozusagen die Flucht ergriffen haben. Berechtigterweise kann sich der geneigte Leser jetzt fragen, warum soll ich ein Buch über Feiglinge lesen? Es ist doch sehr mutig, in diesem hohen Alter eine Art Survivaltrip für die gesamte Restlebenszeit zu buchen. Überleben in der Wildnis ist nicht leicht, im Winter kann es ganz schön kalt werden und Essen braucht man quasi täglich. Sehr bewundernswert am Buch finde ich den Umgang mit dem Tod. Alle drei Männer haben sich für den Fall der Fälle eine Salzdose mit Strychnin besorgt und damit ist für alles gesorgt. Eigentlich machen die Männer auch permanent Witze über den Tod, da hat keiner Angst. Die größte Freiheit ist, dass man selbst bestimmen kann, wann der Zeitpunkt zum Sterben gekommen ist. So sehen es die Männer. Generell ist Freiheit ein sehr bestimmendes Motiv in „Ein Leben mehr“ – jeder Figur hat seine eigene Definition von Freiheit und lebt diese auch.

Die alten Männer würden aus allen Wolken fallen, wenn man sie fragen würde, ob sie glücklich sind. Sie müssen nicht glücklich sein, Hauptsache, sie sind frei. – S. 25

Für die Romantiker unter uns möchte ich nur so viel verraten, als dass es sich auch für sie lohnt. Nur nicht für die Kitschliebhaber, da wird es nichts zu holen geben. Jocelyne Saucier geht mit der Liebe sehr geschmackvoll und wohldosiert um. Saucier verschüttet die Liebe nicht mit der Gießkanne, sondern mit dem Salzstreuer im Buch. Und das ist unglaublich toll.

Fazit

Alte Männer allein im Wald. Bekloppte alte Männer. Ungewöhnlicher Plot. Niveauvoll. Ich habe nichts zu meckern.

5

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Masuko13

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