Kapri-zioes

Die Eskalationsstufen des Alltags

Vor wenigen Stunden habe ich einen sehr interessanten Text auf Zeit Online gelesen. Seit einiger Zeit gibt es da die Rubrik „Freitext“, Schriftersteller können sich hier über die Themen frei auslassen, die ihnen gerade das Herz beschweren. Feridun Zaimoglu hat nun den Freitext „Frauen sterben, bevor sie sterben“ veröffentlicht.

Frauen sterben, bevor sie sterben. Interessant. Bisher kannte ich immer nur: Man ist weg, bevor man weg ist. Und das bezieht sich eindeutig auf beide Geschlechter. Warum sollten nicht auch Männer sterben, bevor sie sterben? Wahrscheinlich tun sie das auch und wahrscheinlich beginnen Frauen einfach nur früher mit dem Sterben.

Aber eigentlich geht es doch um den Alltag und wie er uns in Geiselhaft nimmt mit der Zeit. Das ist ein schleichender Prozess; den merkt man nur bedingt. Wir alle leiden womöglich unter dem „Boiling Frog Syndrome“. Das heißt, wenn wir nicht aufpassen. Ein Frosch bleibt bis zum Exitus im Wasser sitzen, wenn man es nur langsam genug erhitzt. Und irgendwann wachen wir nachts auf und denken: „Scheiße, ist das alles langweilig geworden.“ Dramatisch.

Als Student habe ich momentan nicht wirklich das Problem mit diesem zermürbenden, immer gleichen Alltag. In meinem Leben gibt es alternierende Eskalationsstufen des Alltags. Eigentlich gibt es in regelmäßigen Abständen eine kleine Katastrophe. Irgendwas kocht über. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Manchmal auch Schlechte Zeiten, Beschissene Zeiten. Weil alles ändert sich ständig, die Anforderungen im Studium, die Termine, der Ethanolanteil im Blut, die Gruppenmitglieder, die Arbeitszeiten, die Kontosumme, die Liebesgeschichten der Freunde und von einem selbst. Ein Hoch darauf, wenn mal zwei Wochen am Stück absolute Langeweile herrscht. Aber das ist jetzt so.

Und dann, in ein paar Jahren mit einem festen Job – 5 Tage die Woche, 8 Stunden am Tag oder länger. Vielleicht noch Familie? Dann variiert wohl nur noch das Stresslevel, weil auf Arbeit die Hölle los ist und das Kind schon wieder erkältet. Aber eigentlich ist alles gleich. Und dann kommt wahrscheinlich der Moment, wo man sich nur noch traut, einen Cocktail zu trinken, weil man nicht betrunken sein will. Weil man sich nicht eingestehen will, dass man sich das eigentlich anders vorgestellt hat. Man nicht alt werden will, man nicht diese ätzende Langeweile in der Eigenheimsiedlung will, man noch so viel vor hatte mit sich und seinem Leben.


Gibt es dafür eine Lösung?
Für immer und bis in alle Ewigkeit studieren? Wird das nicht auch Mal langweilig? Bestimmt. Aber was bleibt denn als Ausweg? Taschenbuddhismus mit regelmäßiger Yogaeinheit und Pseudospiritualität ist vielleicht eine Antwort. Das will heißen, man muss immer aufmerksam bleiben und sich fragen, was das Leben einen gerade antut und ob man das wirklich will. Aber hilft das? Oder radikale Wege – die gibt es – für immer Dauersingle, immer unterwegs. Oder andere Lebensformen: Wie wäre es mit der Gründung einer Kommune?! Man muss ja nicht gleich Rainer Langhans zusammenziehen. Aber hilft das?