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Die Gedichte von Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann

Es gibt Lyriker, die lassen einen nicht mehr los. Irgendwann liest man ein Gedicht, dann entdeckt man noch ein Zweites. Ein drittes Gedicht kommt dazu. Dann kauft man sich ein ganzes Buch mit Gedichten des Poeten und vielleicht hat man dann plötzlich das Gesamtwerk im Regal stehen. Mir hat es ganz besonders Ingeborg Bachmann angetan. Im Alter von etwa 14 Jahren habe ich ihr Gedicht „Ich“ gelesen und ich war beeindruckt.  Allerdings ist die Begeisterung auch kein Wunder, wenn man selbst gerade seine Sturm und Drang Phase hat. „Ich“ war eines der frühen Gedichte von Ingeborg Bachmann.

1926 wurde Frau Bachmann in Klagenfurt geboren. Im Studium lernte sie Paul Celan, einen sehr bekannten Lyriker, kennen. Sie verlieben sich. Es gibt etliche Briefwechsel zwischen den beiden und, wenn ich mich nicht täusche, füllen die mittlerweile auch ganze Bücher. Ihre Beziehung zum Schriftsteller Max Frisch ist legendär. Von 1958 bis 1962 waren die beiden zusammen. Max Frisch war ganz der Ordnung zugetan, Ingeborg Bachmann sozusagen das personifizierte Chaos. Ich möchte nicht wissen, wie das manchmal gekracht hat.

Ingeborg Bachmanns Tod war ähnlich spektakulär wie ihr Leben. Sie verstarb infolge von Brandverletzungen, verursacht durch einen Wohnungsbrand, weil sie wohl beim Rauchen im Bett eingeschlafen war. Bachmann war schon sehr lange sehr abhängig von Beruhigungsmitteln. Das wussten die behandelnden Ärzte nicht und deshalb erlag sie an Entzugserscheinungen.

Seit 1977 wird Ingeborg Bachmann zu ehren der Literaturpreis in Klagenfurt verliehen. Das ist jener Preis, bei dem Karen Köhler vergangenes Jahr nicht anwesend sein konnte, weil sie die Windpocken hatte. Meine Lieblingspreisträger der letzten Jahre sind Wolfgang Herrndorf, Matthias Nawrat, Kathrin Passig und Clemens J. Setz.
Vor etwa 3 Jahren habe ich von Ingeborg Bachmann „Böhmen liegt am Meer“ gelesen und seit dem hat mich diese talentierte Frau vollends im Griff. „Böhmen liegt am Meer“ ist ein sehr komplexes und vielschichtiges Gedicht, gerade das macht für mich den Reiz daran aus.
Auszug:

Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und

Schiffe

unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch ein, Illyrer,
Veroneser,
und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen
machen.

 

Und die zum Weinen sind. Und irrt euch hundertmal,
wie ich mich irrte und Proben nie bestand,
doch hab ich sie bestanden, ein um das andre Mal.

In ihren Gedichten schwingt immer so eine Leidenschaft mit, ein Gefühl. Sehr oft ist sie trotzig, niemals ist sie kitschig. Immer ist sie irgendwie radikal. Es ist für mich kein Wunder, dass sie süchtig nach Betäubungsmitteln wurde. So viel Chaos und Temperament kann doch kein Mensch nüchtern ertragen.

Ich bin froh, dass ich ihre Gedichte nochmal gelesen habe jetzt für meine 100 Bücher aus dem 20. Jahrhundert. Eigentlich müsste man doch generell mehr wieder zur Lyrik greifen. Klar, moderne Lyrik ist zumeist etwas schwer verständlich und unheimlich rätselhaft. Aber es gibt auch noch die älteren Werke, die könnte man zumindest mal probieren.

2 Kommentare

  1. Ich kann dieser Rezension in vollem Umfang zustimmen, denn mir ist es mit einem Bachmann-Gedicht genauso gegangen: „Die gestundete Zeit“. Seitdem ich es zum ersten Mal gelesen habe, lässt mich dieses Gedicht nicht wieder los und es kommt gar nicht so selten vor, dass ich zum Bücherregal gehe, mir den Bachmann-Band greife (natürlich steckt an der Stelle im Buch schon ein Lesezeichen) und den Text für mich selbst rezitiere, um hernach tief in Gedanken zu versinken… Übrigens ist das eine Form der Entschleunigung, die ich nicht mehr missen möchte. Zum Beispiel erst gestern wieder habe ich ein Buch aus der Hand gelegt und mich in meinen eigenen Gedanken einfach nur wohl gefühlt. Es handelt sich um einen kleinen Erzählband von Turgenjew, Insel-Bücherei Nummer 1001 mit der Titelgeschichte „Asja“. Die Geschichten sind so voller Gefühl und mehr „russische Seele“ kann man wahrscheinlich nicht zu Papier bringen… lesens- und liebenswert.

  2. Oh, „Die gestundete Zeit“ ist auch ganz fantastisch.

    Es kommen härtere Tage.
    Die auf Widerruf gestundete Zeit
    wird sichtbar am Horizont.

    Bei Ingeborg Bachmann kann ich wohl nie ein Ende finden.

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