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Wie du Professor Unrat bezwingst

Professor Unrat Heinrich Mann

Seit Beginn des Jahres kämpfe ich mich durch diverse Klassiker des 20. Jahrhunderts, gerade erst habe ich „Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen“ von Heinrich Mann gelesen. Dieses kleine schmale Bändchen hat mir ziemlich zu schaffen gemacht!

Wenn ich nur vorher gewusst hätte, wie zäh 238 Seiten mitunter werden können, hätte ich mir das mit meiner 100 Bücher Challenge wohlmöglich anders überlegt. Häufig hatte ich keine Lust viele Seiten am Stück zu lesen oder auch überhaupt anzufangen zu lesen. Dann habe ich verzweifelt nach Ausflüchten beziehungsweise Beschäftigungsmöglichkeiten gesucht, die mir weißmachten, dass ich gerade jetzt leider keine Zeit habe zum Lesen.

Am meisten zu schaffen gemacht hat mir die Sprache. Professor Unrat ist für mein heutiges Sprachgefühl völlig umständlich geschrieben. Manchmal kam es mir so vor, als ob da ein Wort mittendrin fehlt. Dann waren die Satzbögen wieder ganz schön lang. Da wusste ich am Ende nicht mehr, was am Anfang des Satzes stand. Uff.
Wie habe ich es dann trotzdem geschafft, „Professor Unrat“ durchzulesen? Nun manchmal finden sich inmitten der komplizierten Satzhülsen auch wirklich schöne Sätze:

Auf allen Seiten bedroht von Feinden, durchmaß Unrat die Straßen. – S. 35

Unrat sah zu, wie das blutete, und begriff es nicht. Da er nie mit Menschen Gemeinschaft gehabt hatte, war er nie verraten worden. – S. 165

Es steht unter allen Dingen eines fest: dass jemand, dem die hellsten Gopfel zu erklimmen gelang – dass ein solcher auch mit den undurchdringlichen Schlünden wohlvertraut ist. – S. 205

Diese ganzen Zitate führen mich zu einem weiteren Punkt, warum ich mich dann doch durchbeißen konnte. Professor Unrat ist als Charakter sehr lesenswert. Zunächst einmal erweckt dieses arme Würstchen ziemlich viel Mitleid. Wie kann ein Mensch nur so von Hass und Misstrauen getrieben sein? Hinter jeder Ecke vermutet Professor Unrat eine Verschwörung gegen seine Person und erkennt nicht, wie seine Mitmenschen es eigentlich mit ihm meinen.

Am Ende bekommt Professor Unrat auch sein vermeintlich verdientes Ende. Es geht nicht gut aus. Aber woher soll auch das Gute kommen, wenn man nur vom Hass beherrscht wird? Und gerade diese Frage macht das Buch von Heinrich Mann dann schon wieder interessant. Ich bin ziemlich froh, dass ich nicht doch an irgendeiner Stelle aufgegeben habe, denn sonst hätte ich wohl verpasst, was das Schicksal für Menschen wie Professor Unrat bereithält. Und ein bisschen stolz bin ich auch auf mich. Nicht jeder hat diesen Klassiker wirklich bezwungen.

Für alle, die so keine Ahnung haben, warum es im „Professor Unrat“ eigentlich geht:
Der Gymnasiallehrer Professor Raat stellt am liebsten seine ungezogenen Schüler bloss, beziehungsweise manche möchte er gern ganz zu Fall bringen. Einer dieser Experten ist der Schüler Lohmann. Bei Lohmann entdeckt Professor Unrat ein kleines Liebesgedicht für Fräulein Fröhlich im Schulheft und daraufhin beschließt Professor Unrat, dieses Fräulein Fröhlich zu suchen. Es kommt, wie es kommen musste, am Ende ist der Herr Professor verliebt und jede Menge Unheil bahnt sich an.

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