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Matthias Jügler debütiert mit „Raubfischen“

Es war zur Buchmessezeit. Es war der erste Tag der Buchmesse und ich freute mich auf die Lange Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei. Eigentlich war ich total gespannt auf die Lesung von „Risiko“ von Steffen Kopetzky. Für mich stellte sich aber schnell heraus, dass das nicht das Richtige für mich war. Dennoch blieb ich und wurde dafür auch belohnt. Kurz danach las Matthias Jügler aus seinem frisch erschienen Buch „Raubfischen“. Zuvor kannte ich dieses Buch überhaupt nicht, ich hatte es absolut nicht auf dem Schirm und hätte wohl auch nie deswegen den Eintrittspreis für die Moritzbastei gelöhnt. Die Atmosphäre bei der Lesung war unglaublich und Matthias Jügler hat es trotz dieser wirklich kurzen Lesezeit von vielleicht 10 bis 15 Minuten geschafft, mich zu überzeugen.

Matthias Jügler

Geboren wurde der Autor in Halle. Herr Jügler studierte Germanistik, Skandinavistik und Kunstgeschichte in Halle, Greifswald und, was richtig cool ist, Oslo. Danach schloß er ein Studium am Literaturinstitut in Leipzig an. Er übersetzt auch Literatur aus dem Norwegischen.

Der Inhalt von „Raubfischen“

Daniel ist 16 Jahre alt. Ein Teenager. Er fuhr schon immer gern mit seinem Opa in den Urlaub nach Schweden. Dort raubfischen die beiden auf See. Es verbindet Opa und Enkel. Umso schwerer ist der Schicksalsschlag für Daniel als sein Opa an Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erkrankt. Sein Opa verliert alles: seinen Appetit zu essen, seine Sprache, die Möglichkeit sich zu bewegen und zuletzt kommt ihm auch das Atmen abhanden.

Meine Meinung

Mir war die Geschichte von Beginn an sympathisch, weil sie mir irgendwie ähnlich war. Auch ich hatte eine sehr tiefe und enge Beziehung zu meinem Opa und auch er starb nach längerer Krankheit. Es gibt da sozusagen Parallelen. Dadurch erkläre ich mir auch hauptsächlich den Reiz, den „Raubfischen“ für mich ausmacht. Es ist schwer Abschied zu nehmen und es ist schwer, wenn man jung ist, Tod und Verfall hinzunehmen, zu akzeptieren.

Matthias Jügler schreibt in knappen Sätzen, manchmal ist er sehr sachlich. Sachlicher und neutraler als es in Romanen üblich ist. Nichtsdestotrotz ist die Sprache toll. Sie ist klar, prägnant und manche Sätze zeugen von Brillianz.

Die Krankheit ist ihm abhandengekommen. Vielleicht findet er sie nie wieder. – S. 48

„Raubfischen“ hat überhaupt nichts Kitschiges an sich. Es ist kein Heulbojenbuch. Versprochen. Die Figuren untereinander wirken distanziert, dann aber auch wieder nicht. Für mich ist die Darstellung sehr nah an der Realität. Natürlich gibt es auch kurze Gefühlsausbrüche. Weinen. Jammern. Verzweiflung. Aber dann gewinnt das Weitermachen wieder Oberhand. Es nützt ja niemanden etwas, überhaupt kein Alltag mehr einkehrt.

An diesem Tag beginnen wir mit den Lügen. Keine Angst. Es wird wieder gut werden. – S. 15

Der Autor stellt die Geschichte auch ziemlich geschickt dar. Es gibt Rückblenden, die von der guten alten Zeit erzählen, als der Opa noch kein ALS hatte. Als Daniel und Opa gemeinsam im Ferienhaus in Schweden raubfischen waren. Ein bisschen mehr Spannung wird noch durch eine Parallelgeschichte eingeflochten. Das Verhältnis zwischen Opa und dem Nachbarn in Schweden ist mehr als seltsam. Warum ist das so? Welches dunkle Geheimnis verbirgt sich hier? Matthias Jügler arbeitet bei seinen Zeitsprüngen nicht mit Überschriften, dennoch konnte ich die verschiedenen Erzählstränge gut auseinanderhalten.

Die Tage sind kostbar und selten. Tage, an denen etwas Neues in Großvaters Leben tritt, das nicht nimmt, sondern gibt. – S. 84

„Raubfischen“ ist ein lebendiges und auch irgendwie melancholisches Buch. Auf den ersten Blick schließen sich diese Adjektive aus, doch dem Autor gelingt, es beides zu vereinen. Daniel pflegt seinen Opa rührend, Daniel kämpft gegen den Verfall und versucht trotzallem noch schöne Momente für sich und seinen Opa herauszuholen. Es geht ums Abschied nehmen, ja. Aber mit dem Tod ist nicht alles vorbei.

Fazit

Das Buch „Raubfischen“ muss gelesen werden. Auf völlig neue Weise fließen hier Sachlichkeit, größte Liebe und Tragik zu einem Konglomerat zusammen.

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