Kapri-zioes

„Um Leben und Tod“ von Henry Marsh in 6 Gedanken

Normalerweise lese ich nicht die Bücher von der Spiegel Bestseller Liste. Diesmal habe ich es ausversehen getan. Ich wusste überhaupt nicht, dass „Um Leben und Tod“ auf der Rot-Schwarzen Liste thront. Aber es ist schon logisch, dass gerade dieses Buch dort gelandet ist und auch auf meinem Lesetisch. Nichts fasziniert den Menschen mehr als der Beruf des Chirurgen. Mit all dem Blut, Elend und Drama. Möglicherweise sind wir alle auch zu sehr geprägt durchs Fernsehen, Emergency Room, Grey´s Anatomy und wie sie alle heißen.

Henry Marsh ist ein sehr berühmter Neurochirurg in Großbritannien mit vielen Auszeichnungen, jeder Menge Erfahrung und sogar einem Lehrstuhl in den USA. Zu mehr Ruhm kann man es als Arzt wohl nicht bringen. In „Um Leben und Tod“ schreibt er sehr anekdotisch über sein bisheriges Berufsleben. Er schildet Fälle, in denen er helfen konnte und auch in denen sein Handwerk nichts mehr ausrichten konnte. Natürlich lässt er auch sein Privatleben nicht unter den Tisch fallen und als Leser kann man sehr viel über die Arbeitsweise von Chirurgen lernen.

  1. Wie schafft es Henry Marsh bitte, trotz dieser ganzen Fachbegriffe und Erklärungen so spannend zu schreiben? Ich habe dieses Buch innerhalb eines Tages komplett durchgelesen und konnte mich dabei kaum vom Buch lösen. Sozusagen hat der Leseratten-Flow voll zu geschlagen. Es war ein tolles Leseerlebnis für mich. Wenn man sich so ganz in Worten verlieren kann, ist das unheimlich schön. Die ganze Welt spielt keine Rolle mehr, nur noch Mr. Marsh und seine Patienten.
  2. Manchmal war ich beim Lesen etwas im Wechselbad der Gefühle. Henry Marsh scheint ein wirklich überragender Neurochirurg zu sein, aber andererseits kommen manche seiner Worte arrogant rüber. Wenn er beispielsweise an der Supermarktkasse warten muss, wie alle anderen Menschen vor ihm und ihm das etwas zu viel ist, weil er ein so bedeutender Mensch ist. Sowas finde ich doof. Aber Höhenflüge lassen sich wohl kaum vermeiden ab einem gewissen Bekanntheitsgrad und bei dem Berufsbild. Der Autor relativiert diese Arroganz dann doch ganz schnell wieder im weiteren Buchverlauf.
  3. Henry Marsh neigt in seinem Buch auch zu sehr philosophischen Ansätzen. Mehrmals kommt das „Leib-Seele-Problem“ beziehungsweise „Körper-Geist-Problem“ zur Sprache. Sehr faszinierend! Wie kann es sein, dass wir als Menschen all diese Gedanken und Gefühle haben können und eigentlich nur aus einem Haufen Zellen bestehen, die durch elektromagnetische Impulse in Verbindung stehen? Die Kluft zwischen Mentalem und Physischen scheint unendlich groß zu sein für uns Menschen. Interessanterweise quälen nur wir Europäer uns so ab mit diesem Problem. Asiaten haben eine ganz andere Sichtweise, für sie ist die Trennung zwischen Körper und Geist illusorisch.
  4. Im Studium beschäftige ich mich für sein Seminar gerade mit dem Umgang mit Fehlern in Operationsteams. Da war es für mich persönlich sehr interessant, genauer hinzuschauen, wenn Henry Marsh über seine Fehler erzählt oder auch nicht erzählt. Eigentlich schreibt er die ganze Zeit von möglichen Risiken, die dann öfter auch mal in Fehler münden. Aber er wird sehr selten dann wirklich konkret, was und warum genau etwas schiefgegangen ist. Manchmal erklärt er sich selbst aber auch maßgeblich als schuldig und nennt Ursachen. Es wird klar, dass der Autor über unheimlich viel Erfahrung verfügt. Henry Marsh muss niemanden mehr etwas beweisen, er kann eigentlich sehr entspannt mit seinen gemachten Fehlern umgehen.
  5. Um etwas weiter zu philosophieren: Ich stelle mir die Neurochirurgie als ziemlich deprimierend vor. Die Risiken sind wahnsinnig hoch, Millimeter sind von größter Wichtigkeit und entscheiden über alles. Als Neurochirurg hat man tagtäglich mit Tumoren, Blutungen und ähnlich schweren Problemen zu tun. Selbst wenn ein Tumor erfolgreich entfernt wurde, heißt das nicht, dass der Patient gerettet ist. 5 Jahre später kann er wieder wachsen und dann ist das Todesurteil so gut wie sicher. Da braucht man schon ein dickes Fell, um nicht am Elend der Patienten kaputt zu gehen.
  6. Henry Marsh stellt sich im Buch häufig die Frage über Leben oder Tod. Es ist wohl nicht sehr selten, dass Herr Marsh sehrwohl noch das Leben eines Menschen nach einem Unfall retten könnte. Nichtsdestotrotz würde der Verunfallte dann wohl kein Leben mehr haben, weil er zwar lebendig ist, aber schwerstbehindert. Sollte man Leben retten zu jedem Preis? Henry Marsh sagt ganz klar Nein: Es ist besser, in Frieden zu Sterben als 10 Jahre regungslos im Bett auf den Tod zu warten. Und das sehe ich ganz klar genauso.

„Um Leben und Tod“ ist ein sehr interessantes und spannendes Buch. Es ist nicht überragend, das letzte kleine Bisschen fehlt. Insgesamt war das Buch für mich sehr lesenswert.