Kapri-zioes

Ist Juli Zeh eine anstrengende Intellektuelle, die sowieso immer alles besserweiß?

So wie Juli Zeh die Gemüter provoziert in ihren Texten, möchte ich auch heute euch provozieren. Ich weiß nicht, wer sich wirklich schon mit den Büchern von Juli Zeh auseinandergesetzt hat oder wer Juli Zeh überhaupt kennt. Vor ein paar Tagen habe ich ein persönliches Experiment gewagt und endlich mal ein Buch von Frau Zeh gelesen. Meine Wahl fiel auf „Nachts sind das Tiere“, es erschien im September 2014.

Juli Zeh

Wenn ich die Form waren würde, müsste meine Überschrift eigentlich Dr.Juli Zeh heißen. Seit 2010 ist Frau Zeh nämlich Doktor der Rechte (Dr.jur.). Juli Zeh ist also studierte Juristin und außerdem erwarb sie noch ein Diplom am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Ihre akademische Vita ist beeindruckend. Insbesondere für mich, da es mir schon regelmäßig die Tränen in die Augen trieb, wenn ich Fälle im Gutachtenstil für mein Studium lösen musste. Und schließlich studiere ich Wirtschaftswissenschaften, wo man sich lediglich durch Grundlagen im Zivilrecht quälen muss.

Auch sehr beeindruckend sind die Preise, die an Juli Zeh verliehen wurden. Jüngst wäre das der Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritische Literatur. Und noch viele andere!

Der Inhalt von „Nachts sind das Tiere“

In „Nachts sind das Tiere“ wurden Essays aus den Jahren 2005 bis 2014 von Juli Zeh gesammelt. Die Themen sind sehr gesellschaftskritisch und reichen von Demokratie, über Grundrechte und Selbstbestimmung bis zur Netzpolitik.

Meine Meinung

Eigentlich muss ich erstmal Luft holen. Manche Essays von Juli Zeh liegen schwer im Magen. Wer leichte Kost erwartet, der möge besser zu einem dieser pinken Taschenbücher greifen. Juli Zeh ist nichts für schwache Nerven und ihre Themen sind gewichtig. Es geht um nichts anderes, als um die Grundrechte und die Freiheit des Menschen.

Vielmehr sollten wir überlegen, warum wir ständig nach dem >Wozu< fragen. >Wozu< steht im Begriff, ihre Schwester >Warum< zu okkupieren, mit ihr identisch zu werden, sie sich einzuverleiben in einem Akt des inzestuösen Kannibalismus. – S.107

Ich habe an allen Ecken und Enden gemerkt, dass die Autorin Juristin ist. Ihren Texten war diese ganz besondere Logik und Argumentationsweise zu immanent. Manchmal hätte ich mir auch noch etwas mehr Pfiff in den Formulierungen gewünscht, aber das war nur selten der Fall. Juli Zeh versteht es zu schreiben, sodass eigentlich auch Gesellschaftslegastheniker ihr Anliegen verstehen könnten. Nur zu doof, dass gerade diese Leute wohl unter keinen Umständen jemals ein Buch in die Hand nehmen möchten. Geschweigedenn sich irgendwie Gedanken machen über die Welt, in der sie eigentlich leben. Und unter welchen Umständen oder Bedingungen diese Welt überhaupt mal entstanden ist. Ich spreche hier nicht unbedingt vom Urknall als viel mehr die gesellschaftliche Entwicklung über Jahrhunderte.

Das, was Ihr Euch unter Vergangenheit vorstellt, existiert nicht mehr. Die Gegenwart, dieser fiktive Moment, immer schon vorbei oder noch nicht ganz da, hat sich ausgedehnt. Sie umfasst bereits einige Jahrzehnte. Heutzutage ist die Zeit keine Linie mehr, auf der man von Punkt zu Punkt gleitet, sondern eine Fläche, die sich zu den Rändern ausdehnt. – S. 75/76

Manchmal hat mich dieses Buch auch überrascht: Ab und zu gab es Texte, die aus der Rolle fallen und sich zunächst überhaupt nicht in den Kanon der Rechte des Menschen einfügen wollten. Schließlich aber doch irgendwie hinein passten. Beispiele wären dafür „Gute Nacht, Individualistinnen“, „Zu wahr, um schön zu sein“ oder „Selbst, selbst, selbst“. Und richtig Freude haben mir ihre Reden bereitet, die waren wirklich grandios.

Die Abschaffung von Hierarchien hat Vorteile – Freiheit. Aber Freiheit hat auch Nachteile. Sie gebiert Angst. Sie fühlt sich gar nicht positiv an, sondern schmeckt nach Verunsicherung, Orientierungslosigkeit, Überforderung. Kurz gesagt: nach transzendentaler Obdachlosigkeit. Der befreite Mensch ist allein und für sich selbst verantwortlich. – S.250

Es war ein Genuss, wie leichtfüßig Juli Zeh diese großen Themen manchmal anpackte. Ganz unerschrocken, aber immer auch sehr kritisch gegenüber der Gesellschaft. Dabei macht sie auf Probleme aufmerksam, die viele im ersten Moment überhaupt nicht sehen oder auch gern mit voller Überzeugung übersehen.

Die Verwandlung eines Lebewesens in Zahlenkolonnen kann nicht zu individueller Freiheit führen, weil sie den Menschen zum Objekt macht und damit automatisch Gefahr läuft, Fremdherrschaft zu begründen. – S.208

Kurzum, ja – Juli Zeh ist eine dieser Intellektuellen, die es besserwissen. Aber völlig zu Recht. Und die dürfen dann auch mal unbequem sein und nerven. Sie sollen sogar nerven, wenn sie immer und immer wieder den Finger auf die Wunden der Gesellschaft legen. Eigentlich gibt es noch nicht genug Juli Zehs in Deutschland.

Fazit

„Nachts sind das Tiere“ von Juli Zeh eignet sich sehr gut für Leser, die sowohl einen kleinen Überblick als auch einen Einstieg zu den Werken von der Autorin suchen. Und natürlich sei allen kritischen Denkern dieses Buch wärmstens empfohlen.Weitere Rezensionen zu „Nachts sind das Tiere“ auf anderen Blogs:
Thomas Brasch
Fixpoetry
Jens Kassner