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Die Schneekönigin von Michael Cunningham

Auch ich als alter Hase im Romanlesen lasse mich manchmal von der Schönheit der Buchgestaltung blenden. Das passiert den besten Leuten. Scheiß Marketing, es verführt an leere Seifenblasen zu glauben, nur weil sie hübsch aussehen und glitzern. So erging es mir mit dem neusten Roman von Michael Cunningham – „Die Schneekönigin“.

Michael Cunningham

Apropos alter Hase. Auch Herr Cunningham ist ein alter Hase im Schreibbusiness. Er hat schon jede Menge Bücher veröffentlicht und dabei auch jede Menge Preise eingesammelt. Erwähnenswert wären da beispielsweise der PEN/Faulkner Award und der Pulitzer-Preis.

Geboren wurde Michael Cunningham 1952 in Cincinnati, Ohio. Sein wohl größter Erfolg bisher war „Die Stunden“. Übersetzt in 22 Sprachen. Verfilmt mit Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore.

erstellt mit Canva.com

 

„Die Schneekönigin“ – Der Inhalt

Die Brüder Tyler und Barrett teilen sich gemeinsam mit Tylers Freundin Beth eine Wohnung im New Yorker Stadtteil Bushwick. Traurigerweise ist Beth an Krebs erkrankt und wir nun von den beiden Brüdern gepflegt. Ebenso traurig ist, dass alle 3 sich in ihren besten Jahren befinden und doch einsehen müssen, dass sie gescheitert sind. Ihre großen Träume werden nicht in Erfüllung gehen: Tyler wird nie der berühmte Musiker werden. Barret hat gerade wieder seine große Liebe verloren. Und Beth hat diesen schrecklichen Krebs.

Eines Abends sieht Barrett beim Spaziergang durch den Central Park ein merkwürdiges grünes Licht. War das Gott? Eine übernatürlichere Erscheinung? Eine Vision?

Meine Meinung

Sehr auffällig ist die poetische Sprache, die Michael Cunningham hier an den Tag legt. Von der ersten Seite strotzt „Die Schneekönigin“ nur so vor Wortmalerei und ausschweifenden Beschreibungen. Das ist zunächst einmal schön zu lesen, aber allmählich wird erkennbar, wie sehr es doch den Lesefluss auch einbremst. Häufig musste ich manche Sätze zweimal lesen, damit ich jetzt wirklich alles mitbekomme.

Es ist ein bisschen, wie Gefühle im Wechselbad – manche Sätze sind, wirklich wunderschön, aber mit zunehmender Seitenzahl nervt mich die Poetik sehr. Ich wollte hier doch keinen Gedichtband lesen, sondern Prosa. Aber Michael Cunningham erfüllt mir diesen Wunsch nicht.

Eigentlich versuche ich auch noch nach einem Drittel des Buchs, einen Sinn in die Geschichte zu bringen. Was will mir der Autor sagen? Wo ist verdammt nochmal dieser rote Faden? Er ist unsichtbar. Ich hatte häufig keine Ahnung, was ich jetzt wirklich denken soll. Viele Dinge habe ich wohl nicht verstanden. Als Leser hat mich dieses Buch schon überfordert; Momente der Verzweiflung waren keine Seltenheit.

Fand Persephone die Sommersonne manchmal zu heiß, die Blumen zu grell statt schön? Dachte sie jemals, nur ganz kurz, liebevoll an die dämmrige Stille des Hades, an seine kühle, kahle Ortlosigkeit? Sehnte sie sich, gelegentlich, nach ihrer winterlichen Auszeit vom Überfluss, von der Welt, die ihr Glücklichsein abverlangte, einer Welt prallvoll mit Wundern, wo Kränze und Tänze praktisch vorgeschrieben waren? – S. 180

Verzweiflung ist ein gutes Stichwort. Auch die Figuren leben von Verzweiflung. Es sind alles gescheiterte Existenzen. Weder Held noch Antiheld. Lichter, die kurz erleuchten und dann sofort erlöschen und nirgendswo mehr zu sehen sind. „Die Schneekönigin“ ist ein trauriges Buch. Tragik in jedem Kapitel. Alles ist sehr emotional. Die Grundidee des Buchs ist grandios: Der Stoff ist tadellos. Es gibt 2 vom Schicksal geplagte Brüder, die krebszerfressene Beth und dieses übernatürliche Phänomen. Immer wieder werden Anspielungen auf das Märchen „Die Schneekönigin“ gemacht. Nichtsdestotrotz kann mich dieses Buch nicht überzeugen.

Ist es tragischer oder weniger tragisch, der Welt einen so stillen und kurzen Besuch abzustatten? So wenig beigetragen, verändert zu haben? – S.71

Die Umsetzung ist wirklich mangelhaft. Das Buch hat mich phasenweise auch gelangweilt. Obwohl die Figuren gut gezeichnet waren. Die Protagonisten waren nur einige Jahre älter als ich. Für mich versprach es einer dieser „Twentysomething“-Romane zu werden, die mich fesseln, weil sie irgendwie auch aus meinem Leben und von meinen Ängsten erzählen. Diese Geschichte hätte mir einfach nahe gehen müssen. Sie tat es nicht. Schade.

Fazit

Lest lieber einen anderen Roman. Uninteressant.

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