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Warum Jonathan Evison nur gutes Mittelmaß schreibt

Ich gehe immer wieder gern auf Entdeckungstour und probiere neue Autoren aus. Ich finde es anstrengend, immer nur die Bücher der gleichen Autoren zu lesen. Ja, auch wenn diese noch so berühmt und gut verkauft sein sollten. Das ist mir eigentlich auch ein bisschen egal.

„Umweg nach Hause“ von Jonathan Evison war eines dieser Bücher, mit denen ich auf Entdeckungsreise gegangen bin. Um ehrlich zu sein, hatte das Buch schon Vorschusslorbeeren. Das war der Tatsache geschuldet, dass es sich bei diesem Buch um eine Art Roadmovie handelt. Roadmovie als Buch. Klasse. Da fühle ich mich immer sofort an Tschick (von Wolfgang Herrndorf) erinnert. Warum „Umweg nach Hause“ dann doch nur gutes Mittelmaß war, erfahrt ihr gleich.

Jonathan Evison

Ganz so unbekannt ist der gute Herr Evison nun auch nicht mehr. In Deutschland ist sein Debüt 2011 erschienen. „Alles über Lulu“. Dieses Buch ist mir schon häufiger vor die Augen gelaufen, allerdings habe ich mich nie rangetraut. Das Cover hat mich zu sehr abgeschreckt. Da bin ich ziemlich oberflächlich! Alles, was nur im entferntesten nach Frauen-Liebes-Schnulze aussieht, fasse ich nicht freiwillig an.

Zurück zu Jonathan Evison: Er wurde 1968 in San Jose geboren. Das liegt in Kalifornien. Sehr viel mehr ist über Evisons Privatleben jetzt aber auch nicht bekannt.

„Umweg nach Hause“ – Der Inhalt

Ben ist im Leben vom Pech verfolgt. Er sucht verzweifelt einen Job, macht einen Crashkurs in häuslicher Pflege und bewirbt sich dann um die Stelle bei einem Jugendlichen, der im Rollstuhl sitzt und unheilbar krank ist. Trevor.

Dieser Trevor ist das Inbild eines zynischen Jugendlichen. Eigentlich wartet er seine Tage im Rollstuhl nur noch ab bis endlich für immer Ruhe ist. Bis jedenfalls Ben wieder neuen Schwung in sein muffiges Leben bringt. Zusammen beschließen sie, auf einen Roadtrip zu gehen.

Meine Meinung zum Buch

Jonathan Evison schreibt gut. Ja eigentlich wirklich gut. „Umweg nach Hause“ ist sehr emotional, spielt mit dem Mitleid des Lesers, liest sich gut, aber irgendwie ist das nicht alles. Etwas fehlt. Leider kann ich nicht genau sagen, was diesem Buch gefehlt hat, wo der Mangel liegt, dass es mich nicht so mitreißt, wie es mich mitreißen könnte. Denn Potenzial hat die Geschichte um Ben und Trevor.

Wir alle haben Zeit verschwendet. Was soll die ganze Großartigkeit, wenn sie unbeständig ist, was sollen die ganzen Versprechen, wenn sie flüchtig sind? Wer will denn in einer Welt leben, in der Das Leid das einzig Beständige ist, einem Ort, wo einem alles, was einem jemals wirklich wichtig war, in einem Augenblick genommen werden kann?  – S.284/285

Aber ich fange besser ruhig von vorn an: Die Inhaltsangabe zum Buch hat mir richtig richtig richtig gut gefallen. Ich war sehr gespannt auf dieses Buch. Nach Tschick kann ich bei Roadmovies nur sehr schlecht wiederstehen. Eigentlich bin ich in der Realität in gewissen Augenblick selbst versucht, einfach mal auszubrechen. Rein ins Auto und los. Mal schauen, was da kommt, wo ich lande, ob ich irgendwo in einer dunklen Ecke abgestochen und ausgeraubt werde. Aber dafür bin ich dann doch zu feige, zu angepasst und der Alltag gibt mir so schon genügend Aufgaben. Da kann ich doch wenigstens von großen Abenteuern lesen, noch dazu, wenn der Protagonist schwerkrank ist und sich das traut, was ich nicht tue.

Aber auch das wäre ein Schritt zurück gewesen. Egal, wohin ich gehe, es scheint immer ein Schritt zurück zu sein. – S.26

„Umweg nach Hause“ liest sich gut und flüssig. Richtige Langeweile kommt beim Lesen nicht auf, dafür sorgen dann auch immer wieder die Rückblenden zu Bens früheren Leben und insbesondere der Humor, den Jonathan Evison an den Tag legt. Eigentlich ist das doch eine super Ausgangsbasis!

Dieser Mann trifft keine Entscheidungen. Entscheidungen treffen ihn. – S.108

Dramatisch ist Jonathan Evisons neuestes Werk auch. Also wenn ein Jugendlicher, der wohl bald sterben könnte, nicht dramatisch ist, dann weiß ich auch nicht. Und die Figur Ben ist allein schon durch seine Vergangenheit dramatisch. Ich will da nicht zu viel verraten, aber das Buch entblättert Stück für Stück auch Bens Geschichte. Es gibt also genügend Drama von zwei verschiedenen Seiten,  aus zwei verschiedenen Leben. Entfernt erinnert das Buch an Jojo Moyes „Ein ganzes halbes Jahr“. Leser von Frau Moyes haben sicher auch viel Spaß mit Jonathan Evison. Nur ich anscheinend nicht.

Jonathan Evison wird von Kritikern mit J.D. Salinger, Charles Dickens, T.C. Boyle oder John Irving verglichen laut Wikipedia. Ich kann das nicht verstehen! Nicht nur, dass diese Autoren untereinander sich da nicht wirklich ähneln, Herr Evison ist nicht der nächste John Irving. Er ist Jonathan Evison. Mir ist das zu anstregend und ehrlich gesagt, geht mir solches Marketing auch sehr auf den Keks.

Zusammenfassend ist die Ausgangsbasis für „Umweg nach Hause“ richtig gut. Aber irgendwas stimmt nicht, es reißt nicht richtig mit. Das Buch bleibt trotz allen immer nur irgendwie an der Oberfläche. Der letzte Funke fehlt. Es ist aber gerade dieser Funke, der ein Buch supergeil macht, um es mit Friedrich Liechtenstein auszudrücken. Leider besitzt Jonathan Evison das gewisse Etwas noch nicht. „Umweg nach Hause“ bleibt damit ein nettes Buch für zwischendurch, aber nichts wovon ich noch eine Woche später zehren kann.

Fazit

„Umweg nach Hause“ ist ein ganz gutes Buch, was man danach doch schnell wieder vergisst.

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