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Wie liest sich das Debüt von Thomas Wendrich?

Thomas Wendrich Eine Rose für Putin

Ein Debüt ist immer etwas Besonderes – besonders für den Autor, besonders für den Leser und wohl auch besonders für den Verlag des Autors. Zum ersten Mal hat jemand eine Geschichte zu erzählen, die er nicht länger für sich behalten kann. Irgendein Stoff geht nicht mehr aus seinem Kopf, treibt ihn um. Und dann muss er veröffentlicht werden. Die Veröffentlichung ist wohl nicht ganz so leicht, wenn ich mir immer diese vielen jungen, teilweise auch talentierten Indie-Autoren ansehen, die nach Wegen suchen, ihren Stoff an die Frau oder den Mann zu bringen.

Thomas Wendrich

Thomas Wendrich ist das mit dem Berlin Verlag gelungen mit „Eine Rose für Putin“. Aber Herr Wendrich ist längst ein Profi in Sachen Medien. Er ist gelernter Schauspieler, schreibt Drehbücher und ist auch Regisseur. Wen wundert es da, dass der nächste Schritt ein eigener Roman war?

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„Eine Rose für Putin“ – Der Inhalt

1985 verschwindet irgendwo in Görlitz ein Kind. Eigentlich undenkbar in der DDR, weil offiziell gibt es keine Kriminalität und, dass es auch noch ein unschuldiges Kind trifft – unmöglich. Die Eltern erleiden die schlimmste Zeit ihres Lebens. Was steckt hinter der Entführung?

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Ermittler geben ihr Bestes, um den Fall zu lösen und das Mädchen hoffentlich zu finden. Parallel schreiben in der Uckermark ein Regisseur und sein Autor vielleicht das Drehbuch ihres Lebens.

Meine Meinung

Thomas Wendrichs Debüt ist im besten Sinne besonders. Ich habe noch nie eine solche Art von Buch gelesen. Ich schreibe bewusst Art! Denn hier wird experimentiert mit dem Medium Buch. „Eine Rose für Putin“ ist so spannend wie ein Krimi, aber eigentlich ist er keiner im Sinne von Mord, Ermittlungen, der Täter wird gefunden. So geradlinig ist der Roman nicht, er macht es dem Leser wahrlich nicht einfach.

Das Buch ist in ziemlich viele sehr kurze Kapitel unterteilt. Ein Kapitel umfasst etwa 4 Seiten und auch innerhalb der Kapitel kann es passieren, dass zu einem anderen Handlungsstrang gesprungen wird. Von diesen Handlungssträngen besitzt „Eine Rose für Putin“ sehr viele. Ich möchte nicht zu viel verraten an dieser Stelle, am besten lässt man sich persönlich auf die Geschichte ein.

Meine Geschichte entgleitet mir. Was ist passiert? Zuerst wird die Umsetzung einiger Abschnitte moniert, dann zweifelt man das Thema generell an. Zum Schluss ist das Schreiben als Ganzes nicht mehr gut genug. Der Sinn des Lebens stellt sich infrage. – S.198

Durch diesen übersichtlichen Aufbau geschieht im Buch eine Menge. Die Taktung der Ereignisse ist hoch, manchmal vielleicht auch etwas zu schnell für das träge Gehirn des Lesers. Ich musste immer weiterlesen, ich wollte doch endlich wissen, was wirklich passiert ist mit dem entführten Mädchen. Eigentlich müsste man hier auch vom Plural sprechen, denn es gibt mehrere entführte Mädchen. Spannung entsteht hier nicht durch Brutalität, Thomas Wendrich geht da wesentlich eleganter vor.

So lange es keinen Widerstand gab, lief er zu Hochform auf. Zu Hause gleichermaßen wie im Büro oder auf Gesellschaften. Gab es aber eine zweite Meinung oder gar fundierte Ablehnung, brach er in sich zusammen und reagierte in einem Maße unfair, dass die ganze Misere seines zerrütteten Selbstwerts zum Vorschein kam. – S. 113

Die verschiedenen Handlungsstränge kreuzen sich häufig und ziemlich schnell wird klar, dass alles miteinander in Zusammenhang stehen muss. Nur so richtig weiß man als Leser nicht, wie. Es ist ein sehr munteres Raten der Beziehungen oder möglichen Ereignisse. Wie passt alles zusammen? Und genau dadurch wird es spannend. In diesem Umfang habe ich das noch nie bei einem Buch erlebt und Thomas Wendrich ist in diesem Spiel geradezu ein Meister.

Denn in der Realität entwickelt sich ohnehin niemand weiter. Schon gleich gar nicht die Arschlöcher. – S. 32

Interessant am Buch sind auch die Charaktere. Da gibt es die verschiedensten Typen Mensch, ein halber Zoo ist das. Der gierige Wissenschaftler, die treusorgende Mutter, der verbissene Komissar, der herzliche Transsexuelle oder auch der glitschige Politiker. Alle sind sie da und erfüllen ihre Rollen. Thomas Wendrich lässt sich auch sprachlich nicht lumpen. Manche Sätze sind geradezu geschliffen. Immer etwas zynisch, häufig sehr lustig. Der Humor gefiel mir ausgesprochen gut.

Er wäre so gern ein ganz großer Manipulator. Er wäre so gern alles, was toll und perfekt ist. Aber er ist genau das Gegenteil davon. Denn dafür fehlen ihm die Voraussetzungen. Er ist zu ehrlich. Zu einfach. Zu gradlinig. Seine Stärke ist das Argument. Die Überzeugung. Die Klarheit. Und natürlich das unbedingte Rechthaben. – S. 11

Nur lediglich ein Kritikpunkt habe ich: Dem Ende entgegen treibt Herr Wendrich das Durcheinander der Handlungsstränge doch etwas zu weit. Es gab einen Punkt, wo das Versteckspiel nicht länger spannend war, sondern eher in Verwirrung und Frust umschlug. Aber das ist wohl der Preis des Experiments. Ich wusste nicht mehr, was Wahrheit oder Fiktion war. Unweigerlich drängt sich zum Schluss die Frage auf: Was ist eigentlich Wahrheit? Nun aus dem Leben weiß ich, dass es keine eine Wahrheit gibt. In der Wissenschaft nicht, denn Modelle werden gern mal widerlegt. Und im Alltag ohnehin nicht, jeder erzählt seine Version der Geschichte.

Fazit

Thomas Wendrich ist mit „Eine Rose für Putin“ ein erfrischendes Debüt gelungen, in dem die Wahrheit nicht immer das ist, was sie zu sein scheint.

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