Kapri-zioes

Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent von Philipp Ther

Die Mauer steht schon seit über 25 Jahren nicht mehr, der Kommunismus ist zusammengebrochen und in allen Ländern spielt die Liberalisierung eine mehr oder weniger große Rolle. Doch was macht der Neoliberalismus mit uns? Mit unserer Wirtschaft? Mit der Arbeit? Mit den Menschen? Das sind wohl Fragen, die man sich nicht alltäglich stellt. Dennoch sind es interessante Fragen und ich verspreche die Antworten sind mitunter noch viel spannender.

Seit einigen Wochen, wenn man nicht sogar von Monaten sprechen kann, stehen die nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 fest. Dieser Preis wird jedes Jahr seit 2005 in den 3 Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung vergeben. „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ wurde für die Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert.

Philipp Ther

Bevor ich mich näher mit seinem Koloss von Buch befasse, würde ich gern noch ein paar Worte zu Philipp Ther selbst verlieren. Geboren wurde Herr Ther 1967 in Mittelberg, Österreich. Er studierte in Regensburg, München und Georgetown University (USA) die Fächer Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften. An der Freien Universität Berlin promovierte er und danach hatte er ein Fellowship in Havard. Philipp Ther verfolgte eine fast schon typische Karriere an der Universität. Wenig verwunderlich ist es für mich, dass er zum Professor ernannt wurde.

2002 war er noch Juniorprofessor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), 2007 wurde er Professor in Florenz und seit 2010 hält er den Lehrstuhl für die Geschichte Ostmitteleuropas/„nation building“ an der Universität Wien.

Inhalt: „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“

Philipp Ther nimmt in seinem Buch die letzten 30 Jahre Zeitgeschichte gründlich auseinander. Er steigt ein mit den achtziger Jahren und endet mit dem Konflikt auf der Ukraine 2014. Im Vordergrund seiner gründlichen Auseinandersetzung stehen die ehemaligen Ostblockstaaten. Aber auch Deutschland, Österreich und der Süden Europas finden ihren Platz im Buch.

Bei seiner Betrachtung des Neoliberalismus in den einzelnen Ländern werden auf Politik, Ökonomie und auch soziologische Aspekte eingegangen. Philipp Ther wechselt bei seiner Betrachtungsweise auch den Blickwinkel, er vergleicht nicht nur Länder miteinander, sondern auch Hauptstädte. So kann vom Großen aufs Kleine geschlossen werden.

Meine Meinung

„Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ ist ein außerordentliches Buch! Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass es einfach zu lesen wäre. Nein, das ist es nicht. Man kann dieses Buch nicht in einem Rutsch durchlesen, dafür sind die Inhalte zu gewichtig. Im Gegenteil, ich empfehle dieses Buch kapitelweise zu lesen, so kann man sich die Tragkraft der einzelnen Informationen genau bewusst werden.

Philipp Ther ist Hochschulprofessor, das merkt man stark. Sein Werk ist definitiv kein populistisches Sachbuch mehr. Der Autor nähert sich dem Stoff mit einer solchen Akribie, das ist für den Laien schon beeindruckend, könnte ihn aber auch erschlagen. Insofern würde ich die Leserschaft von „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ eingrenzen auf den berüchtigten interessierten Laien und Menschen aus dem Hochschulumfeld. Aber auch wenn die Lektüre nicht immer einfach ist, sie lohnt sich sehr.

Nie in meinem Leben wusste ich mehr über die Zusammenhänge in Europa. Dieses Buch enthält so viel Wissen, es schwappt förmlich über vor Fakten und Erklärungen. Eigentlich hatte ich mir schon immer so ein Buch gewünscht. Ich bin 1990 geboren. Meine Eltern sind nur etwas jünger als Herr Ther selbst und in der DDR erwachsen geworden. Gerade die Entwicklungen kurz vor der Wende und in den neunziger Jahren sind in meinem Geschichtsbewusstsein wie ein schwarzer Fleck. Es ist doch so, dass die Schulbildung selbst im Abitur nicht so viel weiter als bis zum Bau der Mauer reicht. Und wie soll man denn wirklich verstehen, was heute in Europa passiert, wenn man keine Ahnung von den letzten Jahrzehnten hat? Es ist fast unmöglich, sich eine fundiertere Meinung zu bilden.

Überaus interessant waren für mich gerade die letzten Kapitel, in denen kommt der Autor, zum einen auf die südlichen Länder Europas wie Spanien und Italien und zum anderen auf den Ukrainekonflikt zu sprechen. Sehr erhellend!

Ich kann nur immer wieder meine Bewunderung vor diesem tollen Buch aussprechen. Inständig hoffe ich, dass „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 in seiner Kategorie gewinnt, denn es gibt kein besseres Buch über die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Europa.

Am 12.3.2015 von 12 bis 13 Uhr gibt es auf der Leipziger Buchmesse eine Gesprächsrunde mit allen nominierten der Kategorie Sachbuch.

Eine weitere Rezension auf einem anderen Blog:
Lesekreis.org