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Der Tag, als meine Frau einen Mann fand von Sibylle Berg

Vergesst dieses elende „50 Shades of Grey“. Endlich gibt es neuen Stoff von Sibylle Berg! Jüngst bezeichnete „Die Welt“ Frau Berg als die weibliche Antwort auf Michel Houellebecq. „Die Welt“ hat recht! Beide Autoren schreiben mit vortrefflichem Zynismus.

An Sibylle Berg reizt mich noch weit mehr als ihr Zynismus. Es sind immer diese kleinen unscheinbaren Sätze, in denen die Welt ihr wahres Gesicht entblößt. Frau Berg nimmt kein Blatt vor den Mund und manchmal schockiert es mich, dass sie ausspricht, was ich manchmal denke. Umso mehr habe ich mich auf ihr neues Buch „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ gefreut. Ob sich meine Erwartungen erfüllt haben, möchte ich gern mit euch teilen.

Der Tag, als meine Frau einen Mann fand – Eine kurze Inhaltsangabe

Chloe und Rasmus. Beide sind Mitte Vierzig und schon seit 20 Jahren miteinander verheiratet. Für mich sind Rasmus und Chloe das Sinnbild dieses Bildungsbürgertums, das sich in Großstädten breitmacht. Überaus intelligent, wohlhabend und voller Ideale. Alles muss immer schön fair sein.  Aber irgendwann holt auch diese Paare die Realität ein, Träume platzen, der große Erfolg bleibt trotz vielversprechender Potenziale eben doch aus.

Das Leben ist geprägt von ätzender Langeweile. Die Beziehung zwischen Chloe und Rasmus bekommt erste Kratzer. Was hält sie zusammen? Liebe oder Sex?

Meine Meinung

Sibylle Berg hat sich mit ihrem neuen Buch selbst übertroffen. Ich möchte das ganz klar so sagen. Wie kommt sie nur auf solche Texte?

Die Geschichte dieses Paares (Chloe und Rasmus) entspinnt sich zunächst fast ausschließlich an den beiden Liebenden. Es ist erstaunlich, mit wie wenig man auskommen kann, um Spannung aufzubauen. Rasmus und Chloe sind schon bemitleidenswert. Ihr Leben und ihre Liebe scheint irgendwie in die Brüche zu gehen. Vieles geht schief. Große Unzufriedenheit. Aber es herrscht auch große Langeweile, mit circa 45 Jahren ist eben nicht mehr viel neu. Aber wer sagt uns denn, dass unser Leben nicht genauso erbärmlich ist wie das dieser Protagonisten? Oder, dass unser Leben nicht einmal so werden könnte?

Dabei hat sie vermutlich über unser Leben nachgedacht, vielleicht wird sie zu Hause ein paar Möbel umstellen und beginnt ein Fernstudium der Kunstgeschichte. Was Frauen wie sie halt so in der Mitte des Lebens tun. – S.135

Immer wieder streut Sibylle Berg so Sätze ein. Die stehen mitten im Fließtext, und wenn ich sie lese, dann geht so etwas wie eine Bombe hoch. Manchmal ist das sehr humorvoll, manchmal tut es aber auch etwas weh. Dann muss ich auch kurz anhalten mit dem Lesen. Es geht nicht, dass ich einfach so weiterlese.

Ich will sterben vor Langeweile. Schrieb nicht Dürrenmatt, das Leben sei eine Komödie? Das Leben ist albern, aber keine Komödie. Es fehlt das Happy End. Das wird nicht geliefert. – S.69

Die ganze Geschichte ist für mich geprägt vom inneren Konflikt Chloes. Sie ist eine talentierte Frau, sehr begabt, mit eigenen Plänen. Und dann lernt sie Rasmus kennen, der ihr irgendwie noch begabter erscheint. Rasmus Träume haben viel mehr Potenzial. Deshalb gibt Chloe ihre Ziele gleich auf und lebt dann nur für ihren Mann. Sie lebt sozusagen durch ihren Mann. Seine Erfolge sind ihre Erfolge, weil ohne Chloe wären die Errungenschaften von Rasmus nicht möglich. Na das ist doch ein Stoff! Chloe ist sicher kein Einzelfall. Ist man als Frau eher seltsam, weil man lieber seine eigenen Pläne verfolgt als die des Mannes? Und was hat das dann bitte noch mit dieser ach so tollen Debatte um Emanzipation zu tun?

Theoretisch hätte ich immer gerne etwas gewollt. Revolutionen anführen oder transhumanistische Versuche oder eine große Kunst. Praktisch gab es aber immer ein interessantes Buch, das ich erst noch zu Ende lesen wollte. Ich habe mir nie etwas Außerordentliches zugetraut. Sicher mit Recht. Meine Gedanken stehen am nächsten Morgen in der Zeitung, so banal sind sie. – S.46

„Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ strotzt vor Sex. Aber wie gesagt, vergesst bitte „50 Shades of Grey“. Ich halte von diesem Buch ohnehin nicht viel. Sibylle Berg benutzt den Sex nicht um die Frau irgendwie zu endmündigen. Im Gegenteil, er hilft zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Und diese Idee fand ich wirklich hervorrangend. Was zählt am Ende mehr in einer Beziehung? Sex oder Liebe? Es ist ja meist so, dass sowohl der hemmungslose Sex als auch die stürmische Liebe mit der Zeit nachlassen und an diese Stelle tritt dann etwas Neues.

Die Realität des freundlichen Zusammenlebens wird belastet wird Dauerkalauern über ältere schweigende Paare, Filme über Sex im Alter, Lieder über Menschen, die sich die Kleider vom Körper essen. Man kann dem Anspruch, den die Phantasie an den Geschlechtsverkehr stellt, nie gerecht werden. – S. 19

Das Ende dieses Buchs hat mir besonders viel Freude bereitet, es wird etwas dramatisch, aber alles löst sich auf und manches konnte ich danach in einem anderen Licht sehen. Da habe ich auch stark gemerkt, dass Sibylle Berg ihren Lebensunterhalt mit Theater verdient.

Fazit

Wer intelligente und humorvolle Literatur schätzt, sollte sich „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ von Sibylle Berg keinesfalls entgehen lassen!

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