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Der Herr der Ringe – Ein Lesegenuss

Ich bin sehr stolz darauf, das erste Buch im Rahmen meines Projekts „100 Bücher aus dem 20. Jahrhunderts“ schon fertig gelesen zu haben. Unschwer zu erkennen – es war „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien.

Für mich ist „Der Herr der Ringe“ nicht unbekannt, vor ein paar Jahren habe ich ihn schon einmal vollständig gelesen, und als um 2001 die Filme in die Kinos kamen, habe ich mich auch schon ein wenig daran probiert. Damals war ich 11. Und es ist wie so oft, wenn man ein Buch schon gelesen hat, der Beginn des Buchs fühlt sich an wie „nach Hause kommen“. Vertraute Personen begrüßen einen und erinnern daran, was man leider schon vergessen hatte. Und sind wir einmal ehrlich, wenn es sich lohnt, ein Buch ein zweites Mal zu lesen, dann ist das schon ganz besondere Literatur.

J.R.R. Tolkien und das Buch

Vor Kurzem habe ich eine Biografie von Tolkien gelesen – „Tolkien und der Erste Weltkrieg“. Diese Biografie behandelt eine sehr begrente Zeitspanne in Tolkiens Leben. Zur Zeit des Ersten Weltkrieg war er ein junger Mann, gerade der Adoleszenz entwachsen. Es wird vergleichsweise wenig dazu geschrieben, inwieweit die Erfahrungen Tolkiens im Ersten Weltkrieg Einfluss auf sein Werk „Der Herr der Ringe“ ausübt.

Dennoch gibt es schon klare Parallelen – mal abgesehen davon, dass „Der Herr der Ringe“ vom Krieg der freien Völker gegen Sauron handelt. Sehr bezeichnend finde ich das Kapitel, wenn Sam und Frodo durch die Totensümpfe wandern – grüner Nebel und die Gesichter der Toten. Das erinnert doch ziemlich klar an die Giftgaseinsätze im Ersten Weltkrieg und die Toten, die überall lagen. Jedoch würde ich keinesfalls so weit gehen und den Ringkrieg mit dem Ersten Weltkrieg in Gänze zu vergleichen. Persönlich halte ich es für sehr nervig, wenn Werke von Schriftstellern bis ins Kleinste seziert und mit der Biografie des Autoren verglichen werden. Das ist unnötig und nimmt der Literatur seinen Reiz.

„Der Herr der Ringe“

Häufiger habe ich jetzt von meinen Mitmenschen gehört, dass sie zwar versucht hätten, den Herrn der Ringe zu lesen, aber letztendlich doch nicht über die Hälfte des ersten Teils hinaus kamen. Das ist traurig!!! Aber in gewisserweise auch verständlich. Im Buch zieht sich der Einstieg ein wenig hin, Jahre vergehen vom Geburtstag Bilbos bis hin zu Frodos Aufbruch aus dem Auenland. Im Film verstreichen hingegen nur wenige Tage. Tolkien legte eben auch viel Wert um die Beschreibung der Szenen und nicht nur auf die Dialoge.

Was jenseits unserer Landesgrenzen war, kümmerte uns wenig. Lieder haben wir zwar, die von solchen Dingen berichten, aber die nehmen wir nicht ernst und bringen sie nur noch den Kindern bei – ein achtlos beibehaltener Brauch. Und nun kommen Gestalten aus den Liedern von seltsamen Orten mitten unter uns und gehen sichtbar um auf dieser Welt unter der Sonne. – S.190 (Die zwei Türme)

Aber wenn man es dann erst einmal über die Hälfte des ersten Teils geschafft hat, dann nimmt die Geschichte doch einiges an Fahrt auf und wird darüberhinaus noch mit neuen Figuren belohnt, die in den Filmen überhaupt nicht vorkamen. Mein persönlicher Liebling ist Tom Bombadil. Niemand weiß so recht, wer das ist und auch Tolkien wollte dieses Geheimnis nie verraten. Die vier Hobbits werden vom guten Tom aufgelesen, als sie sich in Schwierigkeiten im Alten Wald befanden. Der Alte Wald liegt zwischen dem Auenland und der Stadt Bree. Der Ring hat keine Macht über Tom, als er ihn aufsteckt, wird er nicht unsichtbar. Tom Bombadil ist immun gegenüber den Versuchungen des Rings.

Und könnten wir es auch, würde der Herr der Ringe doch früher oder später von dem Versteck erfahren und all seine Macht dorthin lenken. Könnte Bombadil allein dieser Macht widerstehen? Ich denke, nein. Ich denke, dass am Ende, wenn alle andern besiegt sind, Bombadil fallen wird, als Letzter, wie er einst der Erste war; und dann bricht die Nacht herein. – S. 347 (Die Gefährten)

Generell bekommen die Figuren viel Platz in Tolkiens Werk eingeräumt, sie haben Zeit sich zu entwickeln und wachsen dem Leser im wahrsten Sinne des Wortes ans Herz. Wer kann denn bitte einfach ohne Pause weiterlesen, wenn Theoden in der Schlacht um Minas Tirith stirbt? Da muss man erstmal innehalten und trauern! Ich muss immer wieder Tolkien für seine außergewöhnlichen Einfälle und Figuren lobpreisen. Besondere Lieblinge sind für mich Gandalf, Galadriel, Aragon und Faramir. Aber auch die Ents sind toll! Lebende Bäume, Baumhirten. Faszinierend. Übrigens benennen Wissenschaftler auch gerne mal ihre Entdeckungen nach Tolkiens Figuren.

Nicht jeder Verirrte verliert sich,
Nichts alles, was Gold ist, glänzt;
Die tiefe Wurzel erfriert nicht,
Was alt ist, wird nicht zum Gespenst.
Aus Schatten ein Licht entspringe!
Aus Asche sol Feuer loh´n!
Heil wird die zerbrochene Klinge,
Der Kronlose steigt auf den Thron.
–    S. 228 (Die Gefährten)

„Der Herr der Ringe“ handelt vom Krieg Gut gegen Böse. Es ist ein wahrhaft epischer Text. Die Geschichte spricht irgendwie das Unterbewusstsein an. Ich kann es mir immer noch nicht zur Gänze erklären, warum von solchen Büchern so eine Anziehung ausgeht. Warum üben epische Geschichten einen Reiz auf den Menschen aus? Einmal begonnen der Geschichte zu folgen, schon kann man nicht mehr aufhören. Es entsteht ein Sog, eine Sucht. Und dieser Sog verlässt einen nicht bis zum bitteren Ende des Buchs. Und so lässt mich der „Der Herr der Ringe“ mit großen Fragen zurück, aber dennoch zutiefst zufrieden.

Habt ihr bereits Tolkiens „Der Herr der Ringe“ gelesen? Was gefällt euch daraus am besten?