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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte D.T.Max

Ich habe lange gebraucht, um diese Rezension zur David Foster Wallace Biografie endlich zu verfassen. Versteht mich nicht falsch! Meine Bewertung für dieses Buch fällt zweifelsfrei sehr gut aus, um nicht zu sagen grandios. Aber ich habe die Zeit gebraucht, um zu verstehen, was da eigentlich passierte in diesem Leben eines Genies.

David Foster Wallace sollte kein Unbekannter sein, er wurde berühmt mit „Unendlicher Spaß“ und vor Kurzem kam auf Deutsch sein zuletzt veröffentlichtes Buch „Der bleiche König“ heraus. Ich selbst habe auch schon eine Rezension zu seiner Rede „Das hier ist Wasser“ verfasst.

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D.T.Max – Der Autor

Havardabsolvent. Schriftsteller. Schreibt für „The New Yorker“. Autor mehrerer Bücher. Vater zweier Kinder.

Wahrscheinlich wird der Autor dieser grandiosen Biografie viel zu kurz kommen. Tut mir jetzt schon leid. Aber manchmal ist es doch auch sehr gewünscht, wenn der Autor hinter seinem Werk zurücktritt. 😉

D.T.Max hat einen lustigen und tiefsinnigen Tumblr, nur leider aktualisiert er diesen seit Frühsommer 2013 nicht mehr. Traurig.

Der Inhalt

Es geht in „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte: David Foster Wallace. Ein Leben“ um nichts Geringeres als das Leben und Schreiben des 2008 verstorbenen Autors David Foster
Wallace. Und natürlich geht es um seine Bücher, Essays und Magazinartikel.

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Meine Meinung

Bisher habe ich von Biografien eher die Finger gelassen. Weiß nicht, ich hatte Vorurteile. Zu trocken, zu mühsam und ausufernd. Biografien leben nunmal von ihren Details, sonst würde ein Wikipedia-Eintrag wohl reichen. „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ hat mich magisch angezogen. Ich war von David Foster Wallace Rede „Das hier ist Wasser“ sehr begeistert, habe es aber bisher leider versäumt weitere Werke von ihm zu lesen. Wahrscheinlich war der Respekt zu groß. Und dann war da diese Biografie. Jeder Bibliophile muss sie liebhaben. Muss! Schaut euch diese Buchgestaltung an. Das ist Kunst.

Beide fragten, ob Sprache die Welt beschrieb oder sie auf eine unterschwellige Art definirte und sogar veränderte. Begreifen wir die Erlebnisse aufgrund einer objektiven Realität oder vor dem Hintergrund eigener kognitiver Beschränkungen? War Sprache ein Fenster oder ein Käfig? – S. 71

Kunst ist auch der Inhalt des Buchs. Ich bin voller Bewunderung für David Foster Wallace. Er war ein erstaunlicher Mensch. Diese Leidenschaft fürs Schreiben von ihm erkennt man auf jeder Seite. Soviel Enthusiasmus wirkt sehr inspirerend. Dann gab es aber neben diesen hellen Seiten auch die dunklen Seiten. David Foster Wallace hatte seit seiner Pubertät Depressionen. Manchmal waren die Anfälle so groß und erschreckend, dass er einfach nichts mehr konnte. Lebensunfähig. Wie gelähmt. In seiner Biografie wechseln sich Licht und tiefste Schatten ab. Sein Leben war geprägt von großen Unterschieden.

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Die Krux liegt für mich darin, den Leser zu lieben, ohne zu glauben, dass meine Kunst oder mein Wert davon abhängen, dass er mich liebt. So einfach ist es in der Theorie. In der Praxis ist es jeden Tag ein verdammter Krieg. – S. 284

Depression. Die schlimme Sache. (Wie DFW selbst sagte) Woher kommt Depression? Kindheit? Veranlagung? Verkettung unglücklicher Umstände und mängelbehafteter Körperchemie? Die Biografie ist auf diese Weise sehr erdrückend. Es fällt mir nicht leicht, mich dieser eigenartigen Schwere und Traurigkeit zu entziehen. Aber andererseits hätte David Foster Wallace ohne „die schlimme Sache“ seine Texte schreiben können? Wäre er der gleiche Schriftsteller gewesen? Wohl kaum.
Manchmal waren die Seiten kaum zu ertragen für mich. Ich wünsche diesen Abgrund niemanden.

Du bist zu dem Schluss gekommen, dass die Angst hauptsächlich vom Denken kommt. – S. 84

Sehr fasziniert hat mich der ständige Bezug zu David Foster Wallace´s Werken. Insbesondere auch zu „Unendlicher Spaß“, seinem Opus Magnum, wenn man so will. Ich muss es unbedingt lesen. Wallace kritisiert darin u.a. die Unterhaltungsindustrie. Dieses Motiv verfolgt er schon ziemlich lang, es taucht immer wieder auf in seinen Texten. Warum weckt Unterhaltung nur den Wunsch nach noch mehr Unterhaltung in uns? Was macht das stundenlange Fernsehen mit uns als Mensch? DFW war selbst phasenweise sehr geprägt vom amerikanischen Fernsehen, er konnte das Gerät einfach nicht abstellen.

Im Medienzeitalter sind wir nicht mehr als manipulierte Gefühle und ein leerer Geist, der erfüllt werden will.

Während der Lektüre habe ich mich die gesamte Zeit an jemanden erinnert gefühlt. Irgendwie waren die Gefühle bekannt, aber ich wusste nicht, woher. Auf Seite 307 kam dann die Erlösung. Kurt Cobain. Auch er war ein Mensch gefangen zwischen tiefster Genialität und erschreckender Traurigkeit.

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D.T.Max hat eine hervorrangende Biografie geschrieben, sie strotzt vor Details. Seine Recherchen sind überaus gründlich. D.T.Max kannte David Foster Wallace nicht persönlich, wahrscheinlich war das ein glücklicher Zufall. So hatte er genug Abstand zu diesem großen melancholischen Autor und musste sich auf die Recherchen stützen, die er betrieb wie der Teufel. „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ ist ein brillant gewählter Titel. Er beruht auf den eigenen Worten von David Foster Wallace und drückt zu gleich auch ein gewaltiges Stück seines Lebens aus. Wallace hatte viele Frauen, aber nichts hielt sehr lang. Er fand nicht die eine große Liebe. Immer war im Anfang einer neuen Beziehung auch gleich das Ende zu sehen.

Fazit

Ein ungewöhnliches Leben. Eine ungewöhnliche Biografie. Bitte lest „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ von D.T.Max.

5

1 Kommentar

  1. Hey Janine 🙂

    Interessante Biografie zu einem interessanten Menschen. Ich habe mich bisher weder mit DFW beschäftigt, noch mit seinen Werken. Aber vielleicht sollte ich das mal tun. Zumindest scheint mir „Unendlicher Spaß“ eine spannende und sehr wichtige Lektüre zu sein – vor allem wenn sie die mediale Steuerung kritisiert und damit wach rüttelt.

    Ob ich zu der Biografie greifen würde, wüsste ich momentan nicht. Darauf müsste ich dann wirklich viel Lust haben, sonst hätte ich daran wohl eher keinen Spaß.

    Liebste Grüße,
    Diana

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