Kapri-zioes

Empört euch! von Stephané Hessel [Rezension]

Das ist noch nicht ewig her, erst im Juli. Es war einer meiner ersten Vorlesungstage und ich hatte das Verlangen etwas mit Bedeutung zu lesen. Gut, was ist denn etwas mit Bedeutung? Jedenfalls kein Frauen-Kitsch-Roman. Etwas Ernstes. Ein Sachbuch. Ein Sachbuch ist aber auch nicht immer ernst, siehe Spiegelbestseller-Liste mit der Katzenberger und Dieter Nuhr. Mit diesen drei Vorgaben betrat ich dann den Buchladen. Gefunden habe ich Empört Euch!, die Bedeutung und den Ernst kann mir hier keiner abstreiten. Das es ein Buch ist schon, es hat ja nur 30 Seiten. Der Ullstein-Verlag nennt es Taschenbuch.

Bei der Auswahl hatte ich noch eine Begebenheit aus dem Frühjahr 2011 im Hinterkopf. Damals hatte ich Praxisphase und stand an der Kasse. Ein älterer Kunde, ein Mann, knallte mir 4 Exemplare von Empört euch! auf den Tresen und sagte mit lauter Stimme, nein, er schrie: “Das Buch muss jeder lesen! Das sollte man kostenlos verteilen.” Ich war noch nicht sehr oft an der Kasse eingesetzt und wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte. Deshalb sagte ich einfach nichts und lächelte. Beim Verlassen des Ladens sagte der Mann zu mir: “Ich meins ernst!” Keine Ahnung, wieso ich mir diese Begebenheit im Gedächtnis geblieben ist. Wahrscheinlich, weil ich den Mann so unheimlich fand.

Empört euch! – Der Inhalt

So viel Platz für Inhalt ist auf 30 Seiten nicht, dafür ist er um so dringlicher. Diese Streitschrift ist ein Aufruf zum Ungehorsam und friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft. Diese Ungerechtigkeiten sind beispielsweise die Übermacht des Finanzkapitalismus, leichtfertige Umweltzerstörung oder auch die Unterdrückung von Minderheiten. Brisant. Und höchst aktuell, selbst nach fast 2 Jahren seit Erscheinungszeitpunkt. Im Buch erzählt Stephane Hessel auch aus seinem bewegten Leben: Er ist Überlebender des KZ Buchenwald, war Mitglied der Résistance und ist Mitautor der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen. Uff, wenn Herr Hessel kein Leben mit Bedeutung geführt hat, dann weiß ich auch nicht.

Meine Meinung

Das Buch ist in einer halben Stunde gelesen, selbst wenn man langsam liest. Und dabei ist es so viel sinnvoller als viele 1000 Seiten-Nackenbeißer. Das Buch ist ein Geniestreich. So kurz und prägnant der Text ist, so sehr rüttelt er auf, macht wach und ermutigt zum Denken. Und sollte wirklich Pflichtlektüre werden, nun bin ich auch einer Meinung mit dem Mann von der Kasse.
Hervorheben möchte ich das Zitat auf der ersten Seite, es stammt vom Philosophen Walter Benjamin und ist zum Aquarell “Angelus Novus” von Paul Klee.

Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Hessel regt zum Nachdenken an. Warum wird der Abstand zwischen Arm und Reich immer größer und wie könnten wir das ändern? Was ist mit dem Zustand des Planeten? Vor wenigen Tagen habe ich eine Nachricht vom WWF gelesen: Wir haben bereits die Ressourcen aufgebraucht, die unser Planet in einem Jahr neu produzieren kann. Aber es sind noch 4 Monate bis Jahresende. Wir zehren uns und unseren Planeten auf. Bei all diesen Ungerechtigkeiten sollten wir jedoch nicht das Mittel der Gewalt anwenden, hier stimme ich absolut mit Hessel überein. Gewalt erzeugt Gegengewalt und noch mehr Zerstörung.

Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen. – Stephane Hess

Was heißt das nun für jeden? Es ist wichtig sich eine eigene Meinung zu bilden und diese zu vertreten. Bei Ungerechtigkeit darf man nicht ruhig sitzen bleiben, man muss aufstehen und sich beschweren. Sich empören.