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Ferdinand von Schirach über die Würde des Menschen

Des Menschen Würde. Hm. Auf den ersten Blick ist das nichts, was sehr spannend klingt. Fußball, Fernsehen, Laster anderer Menschen – das bietet so viel mehr entzückenden Gesprächsstoff. Nicht? Im Alltag fällt es auch zu leicht Selbstverständliches, zu vernachlässigen. Klar, jeder Mensch hat Würde. Blablabla banal. Ganz so einfach ist es dann doch nicht, warum zeigt Ferdinand von Schirach in seinem brillianten Essayband „Die Würde ist antastbar“.

Ferdinand von Schirach

Ferdinand von Schirach ist studierter Jurist und machte sich als Anwalt einen Namen. Ursprünglich wuchs er in München und Trossingen auf und er ist Enkel von Baldur von Schirach. Soweit so gut. Ich möchte nicht mit viel Historie langweilen. Interessant für mich ist aber, dass Herr von Schirach erst mit etwa 45 Jahren begann zu schreiben. Zunächst sollten es nur Kurzgeschichten sein, bald darauf wurden es auch Romane.

Der Inhalt

„Die Würde ist antastbar“ ist ein Essaysammelband. Es erschien im August 2014. Gesammelt wurden 13 Essays von Ferdinand von Schirach, die er von Februar 2010 bis September 2013 im Spiegel veröffentlichte.

Inhaltlich sind die Schriftstücke sehr vom juristischen Blickwinkel geprägt. Ferdinand von Schirach bezieht Stellung zu Themen wie den Fällen Kachelmann und Gäfgen, Sicherungsverwahrung oder der Staatsanwaltschaft. Aber auch andere Dinge kommen nicht zu kurz: Herr von Schirach schreibt über die Zukunft des Lesens und über das Schreiben. Nicht zu vergessen ist das Essay über seinen Großvater Baldur von Schirach.

Ferdinand von Schirach ist Cousin von Ariadne von Schirach, ihr Buch „Du sollst nicht funktionieren“ habe ich bereits rezensiert.

Ferdinand von Schirach 1

Meine Meinung

Wie kommt man mit 24 Jahren darauf, so ein Buch zu lesen? Ein Buch über Recht und Justiz in weitestem Sinne. Ich bin leidenschaftliche Vertreterin der Theorie, dass sich Bücher ihre Leser suchen und nur scheinbar umgekehrt. Es geht hier keinesfalls um Gesetze als solche, Ferdinand von Schirach ist es viel wichtiger zu vermitteln, was wirklich dahinter steckt. Und dieser Inhalt ist mächtig gewaltig.

Man quält mich an der Universität mit BGB und HGB. Ja. Das kann ich so nur bekräftigen. In der Schule mussten wir manche Passagen aus dem Grundgesetz auswendig lernen.

Art.1 GG Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Ich bin sicher nicht allein mit meinem Art.1-Schaden. Aber machen wir uns wirklich mal Gedanken, was sich für eine Sprengkraft und Bedeutung dahinter verbirgt? Nein. Kein normaler Schüler macht das. Zu abstrakt sind die Phrasen.

Wir glauben, wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: Wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben, und es ist unsere Verantwortung. – S. 48

Aber was ist denn beispielsweise mit Mördern? Natürlich die Opfer … deren Würde gilt es zu bewahren im Auge der Bevölkerung. Aber was machen wir in Gedanken mit dem Mörder? Ist der noch ein Mensch mit Rechten in unseren Augen? Einsperren für immer. Jawohl. Und wenn es ein Kindsmörder oder –vergewaltiger ist – na dann möchte man doch gleich wieder die Todesstrafe fordern. Selten bleibt ein Mörder auch ein Mensch mit Würde. Zu sehr drängt es uns nach Vergeltung. Anderes Beispiel: Was ist mehr Wert 100 oder 1000 Menschenleben? Der Gedanke neigt zur Antwort „1000“. Aber es gibt keine richtige Antwort. Menschenleben kann man nicht wiegen, messen, schätzen. Dann wird der Mensch zur Ware ohne Würde. Das wäre furchtbar.

Manchmal wird die Schuld eines Menschen so groß, dass alles andere keine Rolle mehr spielt. – S. 45

Nochmal zurück zur These „Das Buch sucht sich den Leser.“: In den letzten Tagen rückt das Thema PEGIDA immer mehr in den Fokus und auch in meine unmittelbare Nachbarschaft. Dresden ist nicht so weit weg und auch in Chemnitz gibt es bereits erste Demonstrationen. Es fällt schwer, sich eine gute Meinung in der Flüchtlingsproblematik zu bilden, geschweigedenn gute Lösungen zu finden. Mich beschäftigt das. Umso besser, dass mir just Ferdinand von Schirachs Essays in die Hände gefallen sind.

Ferdinand von Schirach

Ich mag den Schreibstil von Ferdinand von Schirach und besonders mag ich seine Art zu denken. „Die Würde ist antastbar“ zeigt, was es heißt ein Mensch zu sein in einem Rechtsstaat, beziehungsweise, was der Mensch in einem Rechtsstaat bedeuten sollte. Die Essays werden niemals langweilig. Besonders die erste Hälfte, also die Werke jüngeren Datums, haben mir sehr gefallen. Gerade auch die persönlicheren Texte möchte ich hervorheben. Ferdinand von Schirach schrieb über das Schreiben. Großartig. Wirklich. Und ebenso fabelhaft das Essay über seinen Großvater – Baldur von Schirach. Hier wird es ziemlich persönlich und man muss zwangsweise erkennen, dass Großvater und Enkel nicht unbedingt viel gemeinsam haben müssen. (Baldur von Schirach war Reichsjugendführer und war in seiner Position als Gauleiter und Reichsstatthalter von Wien für die Deportation von Juden verantwortlich.)

Natürlich, Hemingway schrieb angeblich auch im Schützengraben noch Notizen, andere schreiben in Cafés. Aber was wohl alle brauchen, ist Einsamkeit. Es ist die Zeit, die man ungestört mit einer Geschichte allein ist. – S. 33

Fazit

„Die Würde ist antastbar“ von Ferdinand von Schirach ist ein kraftvoller Essayband, der zum Nachdenken anregt und gleichzeitig wahnsinnig unterhaltsam ist.

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