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Sheila Heti – Wie sollten wir sein?

Es ist die Suche nach dem Sinn im Leben, der viele umtreibt. Mache ich alles richtig? „Wie sollten wir sein?“ Gewichtige Fragen. Sheila Heti versucht in ihrem Roman. Ein Roman aus dem Leben, besser gesagt. Antworten darauf zu geben. Oder zumindest damit zu unterhalten. Ohne Frage ist dieses Ziel hochgesteckt. Aber zu dem Thema kann jeder etwas beitragen, jeder hat eigene Vorstellungen darüber, wie eine großartige Persönlichkeit sein sollte oder wie das eigene Leben sein sollte. Jeder hat seine eigene Meinung, was Selbstverwirklichung angeht.

Sheila Heti

Kanadierin. 1976 geborgen. Jetzt also 38 Jahre alt. Sie schreibt über Selbstfindungsprosa. Selbstfindungsprosa und das Alter in Kombination können schon abschrecken, zumindest aber skeptisch machen. Ich darf Entwarnung geben. Sheila Heti macht ihre Sache als Autorin gut.
Sheila wurde in Toronto, Kanada geboren. „Wie sollten wir sein?“ spielt auch dort. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass Sheilas Eltern ungarische Juden sind. Das Judentum spielt logischerweise auch im Roman eine Rolle.

Der Inhalt

„Wir sollten wir sein?“ ist autobiografischer Natur. Die Protagonistin Sheila lebt in Toronto, hat jung geheiratet, wurde jung geschieden. Sie leidet an einer ausgewachsenen Schreibblockade. Von einem Theater hat sie den Auftrag bekommen, an einem feministischen Theaterstück zu schreiben. Sie kommt blöderweise damit überhaupt kein Stück voran.

Die Schreibkrise weitet sich zur Lebenskrise. Philosophische Fragen werden gestellt, kaum wird jemals eine Antwort gefunden. Einen Ausweg scheint Sheila durch ihre Freundin Margaux zu finden, Gespräche werden geführt und auch mit einem Rekorder aufgenommen.

Meine Meinung

„Wie sollten wir sein?“ macht mir zu schaffen. Ich habe keine Ahnung, wie ich es einsortieren soll in meinem Kopf. Was das nun gut? War es schlecht? Puh. Entscheidungsschwierigkeiten sind eine Seltenheit in meinem Leben. Zielsicher und überraschend schnell kann ich Entscheidungen treffen, mich bekommt nach einer Entscheidung auch nie Reue. Aber Sheila Heti hat in mir den Zustand der Verwirrung ausgelöst.

Du wirst dermaßen überschwemmt – oder zumindest für mich gilt das, als wäre in meinem Leben für gar nichts Platz. Ich kann kaum meinen Lebensstandard aufrechterhalten. Der Gedanke, man müsste sich da noch um andere kümmern und sich Zeit für sie nehmen, ist ernsthaft beängstigend. – S. 181

Andererseits ist diese Verwirrung ziemlich aufregend und ich bin stets bestrebt, meinen Horizont zu erweitern. Frau Heti hat da schon ganze Arbeit geleistet. „Wie sollten wir sein?“ kann man in keine Schublade stecken, dennoch ist das Buch für mich nicht zu gewichtig, um eine eigene Schublade zu erschaffen. Dieses Buch ist nichts für geistige Ordnungsfanatiker. Man wird mit mehr Fragen zurückgelassen nach dem Ende des Buchs, als man überhaupt hatte zu Beginn. Das ist unbequem!

Wie sollten wir sein? Jahrelang fragte ich das jeden, den ich traf. Ich achtete immer darauf, was Leute in irgendwelchen Situationen taten, damit ich es auch tun konnte. Ich lauschte ihren Antworten, damit ich sie zu meinen machen konnte, wenn sie mir gefielen. – S. 7

Aber gute Bücher müssen und sollen auch nicht immer bequem sein! Gute Bücher müssen etwas bewegen und wenn es nur die Leere im Kopf ist. Tausende Fragen werden zum Leben gestellt, teilweise auch hochphilosophisch. Antworten werden nicht oder nur sehr sporadisch geliefert von Frau Heti.

Er scheint sich in jedem Augenblick davor zu füchten, einen falschen Schritt zu machen, egal, in welche Richtung. Wenn du dich davor fürchtest, einen falschen Schritt zu machen, dann kann dich das sehr einschränken. – S. 25

Die Protagonistin Sheila hangelt sich in ihrem Leben entlang. Niemals geradlinig, immer von einem gewissen Chaos geprägt. So ist auch der Roman – der Leser bekommt keine durch und durch sturkturierte Geschichte vorgesetzt. Die Kapitel zeigen einzelne Eskapaden aus dem Leben. Auch im Nachgang wird dem Ganzen kein allesüberragender Sinn zugeordnet. Das ist erfrischend, denn nicht immer macht alles Sinn im Leben. Dadurch kommt „Wie sollten wir sein?“ sehr authentisch und ehrlich daher.

Ich kam mir vor wie der Blechmann, der Löwe und die Vogelscheuche zugleich: Ich spürte mein Herz nicht, hatte keinen Mut und konnte meinen Verstand nicht benutzen. – S. 34

Insbesondere für Frauen wird das Buch interessant sein. Sheila und Margaux sind faszinierende Charaktere. Gerade auch Margaux ist sehr anziehend und so wunderbar frei in ihrem Leben. Beide ergänzen sich sehr gut.

Demarkationen. Die brauchen wir. Sie erlauben es dir, jemanden zu lieben. Sonst würdest du ihn vielleicht umbringen. – S. 148

Persönlich hat mir nicht sehr gefallen, dass Sheila Heti im Sex die Erleuchtung sucht. Manche Szenen sind ziemlich übertrieben und haben für den Kern des Buchs einfach keine Aussage. Keine Ahnung, ob das so geschrieben wurde für Bridget-Jones-Liebhaberinnen – sollte damit das mögliche Publikum erhöht werden?

Ich bin klug genug, mein Leben nicht einfach in die Grütze gehen zu lassen, bloß weil mir irgendwo da drin eine Seele fehlt. Denn ich habe sie verkauft. Und ich erinnere mich nicht, an wen. Oder warum. Oder wann. – S. 204

Fazit

Sheila Heti ist mit „Wie sollten wir sein?“ Selbstfindungsprosa gelungen, die so authentisch wie das Leben ist. Gerade die jüngere, weibliche Generation wird Freude daran finden.