Kapri-zioes

Wolfgang Herrndorf und das letzte Buch aus seiner Feder

Ich habe Wolfgang Herrndorf einfach viel zu spät entdeckt. Das macht mich auch jetzt noch ganz betroffen. Erst durch seinen Tod habe ich erfahren, was für ein Talent er war. Aber immerhin habe ich ihn überhaupt als Autor für mich schätzen gelernt – nach dem Motto „Besser spät als nie.“

„Bilder deiner großen Liebe“ ist der letzte Roman, an dem er vor dem Tod gearbeitet hat. Er konnte es nicht beenden, deshalb ist das Buch ein „unvollendeter Roman“. Eigentlich war es auch unklar, ob dieses Buch überhaupt jemals veröffentlicht werden sollte, der Autor hat erst sehr spät doch beschlossen, dass „Bilder deiner großen Liebe“ publiziert werden sollte.
Eigentlich hätte er es auch gern gesehen, dass ein anderer es für ihn zum „vollendeten“ Roman schreibt. Aber zu groß waren Druck und das Erbe Wolfgang Herrndorfs. Verständlicherweise hat sich kein anderer Schriftsteller an diesen sehr persönlichen Stoff herangewagt.

Wolfgang Herrndorf

Im August 2013 sorgte sein Tod für Furore in den Medien. Suizid. Zu Beginn des Jahres 2010 wurde ein bösartiger Tumor in seinem Kopf diagnostiziert. In der darauf folgenden Zeit gelang sein großer Durchbruch mit „Tschick“, gefolgt von „Sand“.

Zuvor schrieb er natürlich auch schon: Beispielsweise „In Plüschgewittern“ und „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“.

Die letzten Jahre seines Lebens kann man ausgezeichnet auf seinem Blog nachlesen. Seit Winter 2013 auch als Buch mit dem Titel „Arbeit und Struktur“ erhältlich. Ich kann auch dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

Bilder deiner großen Liebe

Wir begleiten Isa bei dem Ausbruch aus der Klapse auf ihrem Weg durch das Land. Es ist die Isa, die Maik und Tschick auf der Müllkippe in „Tschick“ getroffen haben. Isa ist immer unterwegs, meist zu Fuß – ohne Schuhe, seltener mit dem Auto. Sie schläft unter freiem Himmel und lernt wirklich bemerkenswerte Gestalten auf ihrer Reise kennen.

Meine Meinung zum Buch

Niemand sollte Angst vor einem unvollendeten Roman, einem Fragment haben. Wolfgang Herrndorf, Kathrin Passig und Marcus Gärtner haben ganze Arbeit geleistet. „Bilder deiner großen Liebe“ setzt die Form von „Tschick“ fort – ein Roadmovie als Buch. Großartig. Das Buch besteht aus vielen kleineren oder auch größeren Szenen. Niemals hatte ich als Leser das Gefühl, dass etwas fehlen könnte.

Das Glück macht nie so glücklich wie das Unglück unglücklich. Und das liegt nicht daran, dass es länger dauert, das Unglück. Es ist einfach so. – S. 82

„Bilder deiner großen Liebe“ ist ein sehr persönlicher Roman. Der Tod und Vergehen kleben auf jeder Seite, aber andererseits handelt das Buch auch vom Wunder des Lebens. Durch Isa begreife ich die Schönheit der Welt und der persönlichen Freiheit. Sie ist ein Wunderkind, ein Sternenkind. Schläft unter freiem Himmel, läuft bafuß durch die Welt und alles Schlechte prallt an ihr ab. Ich bewundere die Figur, die Wolfgang Herrndorf erschaffen hat. Vielleicht wäre die Welt besser, wenn wir alles manchmal etwas verrückter und freier wären – nur nicht immer und zu jeder Zeit auf die Vernunft hören würden.

Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert. – S. 7

Isa bescherte mir Momente tiefer Gedanken. Nach manchem Kapitel sitzt man so da und denkt: Im Leben gibt es kein Happy-End. Kein grandioses und unendlich gütiges Ende. Das gibt es nie. Es gibt im Leben lediglich die glücklichen Momente. Das Jetzt und Hier. Eigentlich auch ganz schön. Warum sollte auch das Ende bedeutungsvoller sein als alles davor?

Was macht es für einen Unterschied, vor siebzig Jahren gestorben zu sein oder vor siebzig Sekunden? Keinen. Die fünf Minuten sind längst vorbei. Aber dass es da keinen Unterschied gibt, kommt mir seltsam vor. Obwohl es so ist. Außer die Zeit macht einen Unterschied. – S. 20

Das Schreiben des Buchs war für den Autor sicher eine Art Wettlauf mit dem Tod. Beinahe hätte er es doch selbst fertigstellen können, hätte ihn nicht ein Fahrradunfall zu wochenlanger Untätigkeit gezwungen. Der Tod und der Gedanken an diesen, wird Wolfgang Herrndorf sehr beschäftigt haben, Beweise gibt es in „Bilder deiner großen Liebe“ viele. Es gibt eine Szene im Buch, in welcher Herrndorf selbst als Protagonist in Erscheinung tritt und sie spielt auf dem Friedhof. Genau dieses Kapitel ist auch eines meiner liebsten aus dem Buch. Warum, kann ich nicht sagen.

Aber er wäre jetzt zweiundneunzig Jahre. Was bedeutet, dass er eh bald stirbt. Oder gerade gestorben ist. Vielleicht sogar in dieser Minute. – S. 19

Man hat das Gefühl, als hätte man beim Lesen dieses Buchs etwas Bedeutungsvolles in der Hand und das ist es auch. Ein letzter Gruß an uns, an die Nachwelt, in welchem Wolfgang Herrndorf seinen Schutzengel mit uns teilt. Ich bin sehr dankbar über die Veröffentlichung von „Bilder deiner großen Liebe“. Das Buch ist ein absolutes Muss von allen Freunden von Maik und Tschick, aber auch für jeden anderen Leser.

Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker. Ich bin nicht verrückt. … Ich bin dieselbe. Ich bin das Kind. – S. 128

Fazit

Unglaublich berührend. Unendlich persönlich. Keine Reue.