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Wir haben Raketen geangelt von Karen Köhler

Karen Köhler Wir haben Raketen geangelt

Blickt man in die Feuilletons der großen Zeitungen, drängt sich Karan Köhler förmlich auf. Überall Rezensionen, Komentare und Meinungen über ihr Debüt. Das macht neugierig. Auch ich kann da nicht wiederstehen. Denn im Kleinen der Bloggosphäre spiegelt sich die Meinung der großen und bekannten Kritiker auch wieder.

Dem aufmerksamen Beobachter werden möglicherweise die ganzen guten Kritiken aufgefallen sein. Und recht haben sie alle die Kritiker. Die Kurzgeschichten von Karen Köhler sind ein großer Wurf. Kündigen womöglich sowohl ein neues Autorentalent als auch die Wiedergeburt der Kurzgeschichte in Deutschland an. Ich habe mich jedenfalls verliebt in ein Buch, von dem ich es nie zu träumen gewagt hätte. Verliebt in einen Kurzgeschichten-Band? Wie kann das sein? Ich meine, man braucht doch nur an den Deutschunterricht zurückdenken. Tagelang wurde auf einer Kurzgeschichte herumgehackt, mit Pech war die auch noch stinklangweilig. Von diesem Schock erholt sich doch nicht einmal ein ausgewiesener Bücherwurm. „Wir haben Raketen geangelt“ ist ein sensationelles Buch.

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Karen Köhler

Eine schreibende Schauspielerin ist Karen Köhler. Hört man Schauspieler und Buch innerhalb eines Satzes, keimen sofort Vorurteile auf, zu schlecht sind die Erfahrungen aus der Vergangenheit. Aber was soll´s? Hoffentlich spricht man in Zukunft nicht mehr von Karen Köhler, der Schauspielerin, sondern von Karen Köhler, dem Schreibstalent. Ich würde es mir zutiefst wünschen.

Karen Köhler wurde 1974 in Hamburg geboren und schrieb vor ihrem Debüt schon mehrere Theaterstücke. Außerdem gibt es da noch diese fast schon witzige Anekdote vom diesjährigen Bachmannpreis. Frau Köhler war eingeladen und konnte nicht kommen, weil sie Windpocken hatte. Sonderregelungen wie eine Live-Stream-Lesung waren partout nicht drin und so musste sie daheimbleiben. Ich denke, es hat ihrer Bekanntheit keinen Abbruch getan.

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Der Inhalt

„Wir haben Raketen geangelt“ ist ein Mosaik und setzt sich zusammen aus 9 verschiedenen Kurzgeschichten. Häufig, aber nicht immer, sind die Protagonisten Frauen. Die Länge der Geschichten streckt sich auf 10 bis 50 Seiten. Allesamt handeln die Geschichten von großen Entbehrungen und viel Gefühl – aber ohne Kitsch!!!!

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Meine Meinung

Kurzgeschichten. Nun ja. Da gibt es diese Traumata aus der Schulzeit, die mich schon allein beim Wort Kurzgeschichte zusammenzucken lassen. Eigentlich will ich das nicht mal, ich kann nur nicht anders. Armes schwaches Menschlein. Wie ich meine Berührungsangst dennoch überwunden habe, frage ich mich. Wahrscheinlich lag es an der Vielzahl der Besprechungen. Die Meinung anderer gibt Rückhalt und schafft Vertrauen, den Herdentrieb möchte ich nicht leugnen.

Das Allerbeeindruckendste: die Nonnengruft. Hier wurden verstorbene Nonnen aufrecht in spezielle Steinsessel gesetzt, während die lebende Nonnengemeinde täglich im selben Raum neben den verwesenden Körpern über den Tod meditierte. Bei mir ist es genau andersrum. Ich meditiere täglich umgeben von Lebenden über das Leben. – S. 97

„Wir haben Raketen geangelt“ ist besser als die Vielzahl der erscheinenden Romane. Bei Weitem besser. Wie schafft Karen Köhler es, auf so wenig Seiten solche Welten entstehen zu lassen? Die Geschichten handeln von scheinbar normalen Menschen und Dingen, wie sie jeden Tag passieren. Leider. Aber Karen Köhlers Sicht auf die Welt ist eine andere. Den Protagonisten geschehen teilweise furchtbare Dinge – sie werden ausgeraubt, betrogen, vergewaltigt oder sterbenskrank.

Ich weiß, dass alles kostet. Leben kostet. Dieser Dialog, mit dem du mir beweisen willst, dass man immer die Wahl hat, verschwendet meine Restzeit. Ich habe keine Wahl. – S. 152

Die Autorin macht die Schrecken des Menschseins nicht kleiner, auch ihre Charaktere haben Respekt vor dem Schicksal. Aber alle Figuren sind mit einem ungeheueren Durchhaltewillen ausgestattet. Sie haben so viel Kraft und machen trotz dieses ganzen Mists, der ihnen passiert, einfach weiter. Teilweise war ich wirklich neidisch auf die Handelnden: Ich muss mich mit kleineren Problemen herumschlagen und verzage da schon ab und zu. „Wir haben Raketen geangelt“ gibt Mut und Hoffnung sich dem eigenen Leben zu stellen. Es ist so ein inspirierendes Buch! Wenn alle immer so sehr kämpfen würden auf dieser Welt, gebe es demnächst keine Probleme mehr.

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Mir egal, ob du dich Journalist nennst. Du schaufelst Scheiße. – S. 117

Das Buch brilliert mit immer neuen Formen der Kurzgeschichte – Postkartenerzählung, Tagebucheinträge, Briefe – es ist alles da. Gekonnt leichtfüßig werden die Geschichen erzählt. Der Schreibstil ist immer fesselnd und niemals anstrengend. Dennoch habe ich meist keine zwei Geschichten hintereinander gelesen. Dafür ist der Inhalt der Kurzgeschichten zu brisant, richtige kleine Bomben sind das. Nein. Eigentlich sind es Handgranaten. Diese Granaten werden durch die Augen geworfen, landen dann mitten im Herz und detonieren ohne Rücksicht auf Verluste. Es gibt keine Blindgänger. Versprochen. Ich brauchte immer etwas Zeit um mich von den Einschlägen zu erholen. Nach der Lektüre eine Geschichte saß ich noch Minuten später so da und habe in die Luft gestarrt. Ich wollte wirklich in Gänze erfassen, was da gerade geschehen ist.

Karen Köhler hat mir mit „Wir haben Raketen geangelt“ über meine Angst vor Kurzgeschichten geholfen. Ich möchte gerne mehr lesen davon. Hoffentlich schreibt die Autorin noch viele, viele weiterer Bücher. Bitte.

Karen Köhler

Fazit

Lesen! Meine Güte – lest dieses Buch! Verdammt nochmal! Es ist nicht lang, die Geschichten darin erst recht nicht, aber sie treffen direkt ins Herz.

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